Interview mit Jan-Oliver Nickel
Literatopia: Hallo, Jan-Oliver! Kürzlich ist im Weltenbaum Verlag Dein Urban-Fantasy-Krimi "Lunatic - Soul Detectives: Im Wald der Wiederkehr" erschienen. Darin hängt die Karriere des Ermittlers Fiero Askerlyfe am seidenen Faden - warum? Und wie will er sein Blatt wenden?
Jan-Oliver Nickel: Fiero neigt so ein bisschen zum Imposter-Syndrom, gerade weil sein Seelentier, die Katze Luna, eine absolute Top-Ermittlerin ist. Dadurch sabotiert er ihre Ermittlungen mindestens unterbewusst. Dann kommen noch einige unglückliche Umstände bei ihrem neuesten Fall hinzu und schon ist seine Chefin kurz davor, ihn vor die Tür zu setzen. Die Lösung von Fieros Dilemma liegt darin, mehr zur eigenen Stärke zu finden und seine Arbeit mit Luna als das zu betrachten, was sie ist: Eine Partnerschaft, in der beide ihre Stärken einbringen können.
Literatopia: Stell uns Fiero Askerlyfe näher vor. Was ist er für ein Mensch? Worin liegen seine Stärken und Schwächen?
Jan-Oliver Nickel: Fiero ist ein junger Mann Anfang 20, der sein ganzes Leben im Schatten seines Bruders stand und deshalb das Bedürfnis hat, sich endlich zu beweisen. Ich glaube, das ist Stärke und Schwäche zugleich. Auf der einen Seite ist er sehr ambitioniert und hat viele kreative Ermittlungsansätze. Andererseits fällt es ihm deshalb auch schwerer, die Hilfe seiner Partnerin anzunehmen. Da die Welt von Lunatic aber ziemlich gefährlich ist, hat er Lunas Hilfe – und ihre besondere Gabe – bitter nötig.
Literatopia: Wie haben Fiero und sein Seelentier Luna zueinander gefunden? Wie gut verstehen sie sich? Und was genau ist ein Seelentier in Deinem Roman?
Jan-Oliver Nickel: Luna begleitet Fiero seit seiner Geburt. Sie ist die sehr witzige (und zum Teil echt fiese) Meisterdetektivin des Duos. Eigentlich mögen sich die beiden sehr gerne und haben auch permanent sarkastische Wortgefechte miteinander.
Seelentiere hat bei mir nicht jeder. Sie sind die Manifestation der Seele, existieren aber in der Regel als ganz normale Tiere. Luna wird also auch oft genug gestreichelt. :D Besonders ist aber, dass einige von ihnen über spezielle Gaben verfügen. Luna sieht zum Beispiel die teils uralten Erinnerungen von Orten, andere Seelentiere können mit ihren Partnern verschmelzen. Wobei die Gestaltwandler oft einen gewissen Hang zur Gewalt mitbringen.
Literatopia: Ein Teil der Handlung spielt im 18. Jahrhundert in einer Grafschaft. Was erwartet Luna dort in der Vergangenheit?
Jan-Oliver Nickel: Junge Liebe, ein Graf mit einem Folter-Fetisch und viel Tragik. Luna sieht keine x-beliebigen Erinnerungen. Wenn eine Geschichte der Vergangenheit an einem Ort auf sie wartet, hat das in der Regel einen tieferen Grund. Die Toten kommen nicht zur Ruhe und wollen in der Gegenwart noch etwas bewegen.
Literatopia: Fieros älterer Bruder Leroy ist ebenfalls Ermittler, dazu auch noch ein richtig guter mit einem Falken als Seelentier. Wie ist das Verhältnis der beiden Brüder? Vergleicht sich Fiero mit Leroy?
Jan-Oliver Nickel: Fiero hasst Leroy. Das glaubt er zumindest. Sein großer Bruder ist dieser arrogante Arsch, dem auf Anhieb alles gelingt. So ein bisschen das Gegenteil zu Fiero. Daraus zieht mein Protagonist aber auch sehr viel Motivation. Er verspürt den Drang, sich zu beweisen und seinen Bruder endlich zu überflügeln. Vielleicht gelingt ihm das sogar.
Literatopia: In "Lunatic - Soul Detectives" finden sich Tropes wie Hidden Identity, Echoes of the Past oder Geheimnisvolle Kreaturen. Was ist Dein persönlicher Lieblings-Trope in der Fantasy?
Jan-Oliver Nickel: Tatsächlich bin ich gar nicht so ein großer Trope-Fan. Natürlich gefallen mir gewisse Handlungsmuster in Fantasy-Romanen, aber ich finde dieses Schubladen-System bei der Buchvermarktung etwas komisch. Nimmt für mich in gewisser Weise das Alleinstellungsmerkmal eines Buches weg. Davon abgesehen, würde ich sagen, mein Lieblingstrope ist: „Die Unsterblichen“. Ich fand das Konzept der Unsterblichkeit mit all seinen Facetten und den vielen Legenden, die sich darum ranken, schon immer faszinierend. Auch Erinnerungen können für mich eine Art der Unsterblichkeit sein, von daher ist Lunas Fähigkeit nicht ganz zufällig gewählt.
Literatopia: Wie bist Du zur Fantasy gekommen? Was war quasi Deine Einstiegsdroge?
Jan-Oliver Nickel: Ich bin mir nicht sicher, welchen Fantasy-Roman ich als erstes gelesen habe. Meine Einstiegsdroge war aber die Bartimäus-Reihe von Jonathan Stroud. Die Mischung aus übernatürlichen Wesen, Zauberer-Gesellschaften und brillantem Humor hat mich von Anfang an fasziniert. Ich hatte letztens noch ein Gespräch mit einer Uni-Dozentin, die meinte, dass nur tiefgründige Realliteratur wirklich gut sein kann und da bin ich ganz anderer Meinung. Es gibt so viele fantastische Geschichten, die mich geprägt und viel stärker berührt haben, als es ein Kafka je könnte. (Wobei ich den auch ehrlicherweise nicht leiden kann.)
Literatopia: Während Deines Studiums wolltest Du an der hochschuleigenen Romanwerkstatt teilnehmen, doch wurdest stets abgelehnt - mit welcher Begründung? Und hast Du dich dann erst einmal allein Deinem Debüt gewidmet?
Jan-Oliver Nickel: Die Begründung kam in typischem Bürokratendeutsch. Leider musste eine Auswahl getroffen werden, sie sind nicht dabei, aber ihre Geschichte ist selbstverständlich trotzdem gut und schreiben sie ruhig weiter. Natürlich hat es mich ziemlich frustriert und auch Selbstzweifel befördert, dass ich gleich dreimal bei der Romanwerkstatt abgelehnt wurde. So viele Romane entstehen an der Uni schließlich nicht. Nachdem ich mich zünftig aufgeregt hatte, loderte diese Ablehnung dann aber als Motivation in mir. Nach dem Motto: Jetzt erst recht. Interessanterweise haben sich dann doch immer wieder Möglichkeiten eröffnet, an der Uni mit Schreibprofis in Kontakt zu kommen. Wenn man etwas wirklich will und hart dafür arbeitet, öffnen sich oft schon die richtigen Türen. Davon bin ich überzeugt.
Literatopia: Ist „Lunatic – Soul Detectives“ nur Deine erste Veröffentlichung oder auch Dein erstes selbstverfasstes Werk? Was hast Du zuvor geschrieben?
Jan-Oliver Nickel: Es ist definitiv mein liebstes Projekt bislang und das, in dem am ehesten meine Seele steckt. So ein Buch ist ein bisschen wie ein Horkrux nach vielen hundert Stunden Arbeit. Ich habe vorher – beziehungsweise parallel zum Schreiben von Lunatic – hier und da Kurzgeschichten für Wettbewerbe geschrieben und ein paar wurden auch veröffentlicht. Meistens waren es auch hier Krimis oder Fantasy-Texte. Die beiden Genres ergänzen sich für mich einfach unglaublich gut.
Literatopia: Du schreibst an unterschiedlichsten Orten: am Rhein, in verlassenen Cafés oder umringt von Duftkerzen am Schreibtisch. Wie organisierst Du Dich beim Schreiben? Planst Du feste Schreibzeiten ein oder tippst Du drauflos, wenn die Muse Dich küsst?
Jan-Oliver Nickel: Also geplant ist da meistens wenig (leider…) Ich bin schon sehr impulsiv beim Schreiben. Teilweise kriege ich wochenlang gar nichts gebacken und schreibe dann mit drei Energys die ganze Nacht durch und am Ende kommt mein neues Lieblingskapitel dabei heraus. Ich würde aber schon sagen, dass der Schreibort hierbei helfen kann. Zuhause fehlt mir ohne Deadline oft die Disziplin, weil es zu viel Ablenkung gibt. Wenn man sich aber ohnehin schon in ein Café aufgemacht hat, ist die Chance auch größer, dass man nicht unverrichteter Dinge wieder verschwindet.
Literatopia: Wie behältst Du den Überblick über Figuren und Schauplätze? Und plottest Du eine Geschichte von Anfang bis Ende durch vor dem Schreiben?
Jan-Oliver Nickel: Das ist sehr unterschiedlich. Oft muss ich selbst alte Szenen nachlesen, um mich daran zu erinnern, was ich mir ursprünglich einmal dabei gedacht habe. Da ist viel Problem-Solving mit dabei. Also auch rückblickend – wie kann ich diese Szene fertigschreiben, damit gewisse Aspekte vom Anfang Sinn ergeben? Meistens habe ich eine gewisse Grundidee mit einigen wichtigen Hauptelementen für die Handlung, die ich dann während des Schreibens mit Leben fülle. Manche Idee kommt mir dann auch erst bei der Überarbeitung. Ich frage mich ja immer, was meine Lektorin davon hält, wenn urplötzlich im lektorierten Manuskript neue Szenen auftauchen…
Literatopia: Du hegst unter anderem eine Faszination für Rätsel in Gedichtform. Was reizt Dich daran? Und hast Du ein Beispiel für uns?
Jan-Oliver Nickel: Rätsel und Gedichte mochte ich schon als Kind in Märchen und Sagen sehr gerne. Mir fällt da etwa das Rätsel der Sphinx ein oder das Rumpelstilzchen, das reimend um sein Feuer tanzt. Rätselgedichte sind für mich wie Zaubersprüche, weil sie den Geist auf kunstvolle Art und Weise entfesseln. Kurzes Beispiel:
„Amphibienhass wird nach einer Rettung großgeschrieben
Wäre die Prinzessin doch lieber ohne Spielzeug geblieben
Trotz Warzen, soweit das Auge reicht, fordert der Unhold Finderlohn
Wird sie vom Vater gezwungen, quakt bald schon ein Prinz am Hof“
Literatopia: "Luncatic - Soul Detectives" ist der erste Band einer Dilogie - wann und wie wird es mit Fiero und Luna weitergehen? Und arbeitest Du vielleicht schon an einem neuen Projekt, über das Du uns etwas verraten würdest?
Jan-Oliver Nickel: Mit Luna und Fiero geht es tatsächlich schon sehr bald weiter. Band 2 ist fertig und momentan im Korrektorat. Wenn alles gut geht, sollte die Fortsetzung Ende Mai erscheinen. Tatsächlich verspüre ich momentan aber viel Lust, es doch nicht bei einer Dilogie zu belassen. Die Charaktere haben aus meiner Sicht noch viel Raum zum Wachsen und Trilogien mag ich sowieso mehr. :D Mal schauen, was da noch kommt…
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Jan-Oliver Nickel: Ich danke dir!
Autorenfoto: Copyright by Jan-Oliver Nickel
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.