Interview mit Vinachia Burke und Juliet May
Literatopia: Hallo, Vinachia, hallo, Juliet! In Eurer Neon-Urban Fantasy-Trilogie „Synaptic Shadows“ vereint ihr Science Fiction und Fantasy in einem koreanischen Setting. Was erwartet uns in Seoul?
Vinachia Burke und Juliet May: Hi Judith! Vielen Dank, dass wir dabei sein dürfen. Ja, in unserem Seoul erwartet euch eine Geschichte über zwei beste Freunde, die ihre Gesellschaft verbessern möchten, in diesem Bestreben jedoch auf gegensätzlichen Seiten landen.
Literatopia: Warum habt Ihr Korea und insbesondere Seoul als Setting für „Synaptic Shadows“ gewählt? Und inwiefern unterscheidet sich Euer Seoul vom heutigen Seoul?
Vinachia Burke und Juliet May: Die Welt von Synaptic Shadows spielt in einer Zukunft, in dem einzelne Megakonzerne und nicht mehr Landesgrenzen die Aufteilung der Welt bestimmen. Südkorea hat uns als Setting inspiriert, weil der dort größte führende Konzern allein rund 25% des BIP des Landes ausmacht. Diesen Fakt haben wir in Synaptic Shadows weitergesponnen.
Literatopia: Stellt uns Eure Protagonisten Alexym und Jin näher vor. Was sind sie für Menschen? Wie wurden sie einst Freunde? Und was droht, sie zu entzweien?
Vinachia Burke: Alexym ist ein zutiefst freundlicher Charakter, dessen Leben jedoch von Armut und zu viel Verantwortung geprägt ist. Er glaubt an das Gute in der Welt, bis ein Ereignis ihn so tief erschüttert, dass er langsam vom Gegenteil überzeugt wird.
Jin wirkt zunächst wie das typische „Rich Kid“, versteckt hinter dieser arroganten Fassade aber vieles, was er zu Beginn selbst noch nicht ganz versteht. Er ist ein Freigeist und hinterfragt Dinge kritisch. Außerdem sozial oft etwas … ungeschickt.
Ihre Freundschaft entwickelte sich, da Alexym eine stille Faszination für all diese Seiten von Jin empfand und auch dann nicht zurückschreckte, als er klar zum Außenseiter wurde. Und das allein genügte wiederum für Jin, auf seine Art bedingungslos für Alexym da zu sein.
Ihre Differenzen entstehen letztendlich aufgrund eines tiefen moralischen Grabens, der sich im Laufe der Geschichte bildet. Der wird im ersten Kapitel bereits gezeigt, bevor wir zurück in die Highschool-Zeit der beiden gehen und chronologisch erzählen.
Literatopia: Über welche Art von Fähigkeiten verfügen sogenannte Begabte in „Synaptic Shadows“? Und wie geht die Gesellschaft damit um?
Vinachia Burke und Juliet May: Begabte in Synaptic Shadows besitzen die Fähigkeit, auf telepathischer Ebene mit Nanobots zu kommunizieren. Dabei hat jeder ein individuelles Talent, wie beispielsweise eine Affinität für Materialumwandlung oder für Holografie. Begabte sind in der Gesellschaft das Fundament zukünftigen Fortschrittes und Wohlstands. Während sie in der Zukunft viele Privilegien genießen, werden sie jedoch zugleich als Konzerneigentum bzw. Ressource angesehen. Ihre individuelle Freiheit wird als weniger wichtig betrachtet als ihr Nutzen für die Gesellschaft, was beispielsweise maßgeblich die Gesetzgebung beeinflusst.
Literatopia: Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit an „Synaptic Shadows“? Und wie sieht diese konkret aus? Die Geschichte wird abwechselnd aus Alexyms und Jins Sicht erzählt – hat jede von Euch einen der beiden übernommen?
Vinachia Burke und Juliet May: Wir haben den »Hidden Inventory« Arc von Jujutsu Kaisen gesehen, die Vorgeschichte von Gojo und Geto und dachten uns: Das hat Potenzial, wir möchten das Grund-Dilemma gern zu neuem Stoff verarbeiten. Und ja, jede von uns hat einen Charakter geschrieben.
Während der Arbeit an Synaptic Shadows trennten uns rund tausend Kilometer, das war natürlich oft tricky. Konkret haben wir abwechselnd Kapitel geschrieben und einander zugeschickt, Anmerkungen gemacht. Parallel haben wir uns eine Datenbank zu Welt, Charakteren und allem rundherum aufgebaut, weil man sonst den Überblick verliert. Geplottet haben wir meist zusammen in Person oder via Voice Call, haben Schreibwochen mit Treffen veranstaltet, in denen wahnsinnig viel voranging.
Die Story lebt von unseren jeweiligen Stärken. Wir haben einander sehr gut ergänzt.
Literatopia: „Synaptic Shadows“ vereint die Tropes „enemies to lovers“ sowie „friends to lovers“ und „friends to enemies“. Sind das auch Eure persönlichen Lieblings-Tropes? Was mögt Ihr daran?
Vinachia Burke und Juliet May: Wir mögen Drama. Eine Geschichte, die von Freundschaft zu Feindschaft zu Liebe wechselt vor dem Hintergrund von Idealen, moralischen Grauzonen und dem Kontrast zwischen Vernunft und Gefühl bot uns den perfekten Spielplatz.
Julie May: Einer meiner persönlichen Lieblingstropes ist noch „Lonely at the top“ und auch „Broken Ace“ wie wir es z.B. bei Accelerator aus Toaru oder Gojo aus JJK kennen. Auch diese Tropes haben wir in Synaptic Shadows verarbeitet.
Literatopia: Was reizt Euch an Boys Love? Welche Liebesgeschichten haben Euch dafür begeistert?
Vinachia Burke und Juliet May: Boys Love (wie auch Girls Love) bieten Liebesgeschichten, die frei von typischen heteronormativen Rollenklischees sind. Sie erlaubt den Fokus auf eine tiefe Liebesgeschichte voller Zerrissenheit und Zweifeln, ohne Diskussionen darüber loszutreten, ob ein Charakter jetzt emanzipiert genug ist oder nicht. Beide Figuren sind einfach Idioten :D
Literatopia: Ihr beide seid auch Illustratorinnen und habt die Cover zu „Synaptic Shadows“ selbst gestaltet. Was zeichnet ein gelungenes Buchcover für Euch aus? Und auf welche Details achtet Ihr besonders?
Vinachia Burke und Juliet May: Hier eine sanfte Korrektur: Für die Cover war Auri Art verantwortlich. Aber du hast sonst recht, dass wir auch illustrieren und fast alles selbst gestalten. Details auf die wir immer wieder achten, sind vor allem spezifische (storyrelevante) Merkmale, wie Alexyms Nasenpiercing oder Jins Hautfarbe sowie seine Kopfhörer. Auch auf Körperhaltung und Gesichtsausdruck der beiden legen wir viel wert, denn hier heben wir auch in der Story stets Unterschiede zwischen ihnen hervor.
Literatopia: Vinachia, Du bist auch Verlegerin des WunderZeilen-Verlags. Wo liegen die programmatischen Schwerpunkte? Was muss ein Buch mitbringen, damit Du es verlegen willst?
Vinachia Burke: Geschichten die ich verlegen will, müssen aus der Phantastik kommen und gleichzeitig originell sowie vermarktbar sein. Diese Kombination ist anspruchsvoll. Ich verlege gern die ganze Bandbreite der Phantastik von Low Fantasy bis Cyberpunk. Reine Romantasy nach Schema F hat es sehr schwer bei mir.
Literatopia: Juliet, Du liebst „skurrile Figuren, fantastisch verpackte Gesellschaftskritik und komplexen Weltenbau“ – hast Du Beispiele für uns, welche Werke all das für Dich vereinen? Wer sind Deine literarischen Vorbilder?
Juliet May: Ich muss gestehen, dass ich nur noch sehr wenig lese, seit ich selbst schreibe. Ich kann dabei nur noch schwer abschalten und analysiere zu viel. Vor allem im Fantasy-Bereich habe ich nie wirklich viel Literatur konsumiert und komme stärker aus dem Videospiel- und Anime-Fandom. Literarische Vorbilder habe ich nicht wirklich, ich mache sehr gern mein eigenes Ding :)
Literatopia: Wie habt Ihr jeweils Eure Liebe zum Schreiben entdeckt?
Vinachia Burke: Für mich ist es nicht nur das Schreiben – meine Liebe steckt in dem Wunsch etwas zu kreieren, das andere Menschen bewegt und sie aus ihrem Alltag trägt. Schreiben ist ein Teil davon, aber auch die publizierende Arbeit und all meine anderen kreativen Tätigkeiten sind diesem einen Wunsch geschuldet. Der existiert so lange ich denken kann. Vielleicht weil ich als Kind annahm, ich wäre nur akzeptabel wenn ich mehr biete als das was ich bin. Diesen Glauben habe ich mittlerweile korrigiert, der Wunsch ist dennoch geblieben.
Juliet May: Vor etwa acht Jahren war für mich der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mir nach der Krebserkrankung meines Mannes sagte: Das Leben ist kurz, schreib jetzt endlich diese Geschichte, die dir seit deiner Jugend im Kopf herumgeistert. Die dich nicht loslässt. Dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß ich daran habe, wie viel Potenzial die Phantastik als Genre bietet und dass Schreiben einen ganz besonderen Platz in meinem Leben verdient. Nachdem die ersten Menschen meine Bücher gelesen hatten und sich etwas aus ihnen mitnehmen, sich in ihnen wiederfinden konnten, war die Liebe nur noch stärker.
Literatopia: Ihr produziert fleißig Social-Media-Content zu Euren Werken. Müssen Autor*innen heute zugleich Influencer*innen sein? Wie viel Arbeit steckt Ihr in Instagram und Co.?
Vinachia Burke und Juliet May: Wenn jemand Selfpublisher ist, dann ganz klar: Ja. Und nicht nur Influencer, sondern auch Vertriebler. Das ist eine naturgemäß sehr schwierige Kombination für viele Kreativschaffende. Wir kämpfen selbst mit Social Media und versuchen stets, die Balance zwischen Aufwand und Rückmeldung zu halten. Aktuell sind es ein paar Tage pro Monat an Content-Produktion und tägliches kurzes Reinschauen.
Literatopia: Würdet Ihr uns abschließend verraten, was uns in naher Zukunft von Euch erwartet?
Vinachia Burke und Juliet May: Gerade ist Band 2 von Synaptic Shadows erschienen »Moonbreak« und wir arbeiten jetzt fleißig daran, den 3. Band für den Release Ende des Jahres vorzubereiten.
Zusätzlich sind weitere Kurzgeschichten zu Synaptic Shadows geplant, auf die beizeiten mittels der bereits vorab in den Büchern platzierten QR-Codes zugegriffen werden kann. Für Updates dazu unbedingt bei uns auf Instagram vorbeischauen :)
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Vinachia Burke und Juliet May: War uns eine Freude!
Autorinnenfotos: Copyright by Vinachia Burke (oben rechts) und Juliet May (oben links)
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.