Anna Lisa Franzke (23.04.2026)

Interview mit Anna Lisa Franzke

anna lisa franzke20262Literatopia: Hallo, Anna Lisa! In Kürze erscheint Dein Cyberpunk-Roman „The Girl With The Heart-Shaped Glasses“ – wer ist diese junge Frau mit den herzförmigen Brillengläsern? Und warum wird sie zur Zielperson?

Anna Lisa Franzke: Hallo, danke für die Einladung!
Oh, viel kann ich dazu natürlich nicht verraten. Das ist ja, worum es in dem Buch geht. Aber vielleicht so viel: Es gibt ein Computerprogramm, das feststellt, wenn eine Person besonders wahrscheinlich eine tragende Rolle bei rebellischen Aktivitäten einnehmen wird. Und ausgerechnet diese junge Frau gerät in den Fokus und wird Gegenstand der Ermittlungen, um sie im Auge zu behalten.

Literatopia: „The Girl With The Heart-Shaped Glasses“ ist aus der Perspektive einer Person geschrieben, die Glasses überwacht und durch Kameras verfolgt. Wer ist diese Person?

Anna Lisa Franzke: Auch das wird im Laufe des Buches vielleicht – vielleicht auch nicht – beantwortet. Aber ganz grundsätzlich gesagt, ist diese Person ein gesichtsloser Hacker, der für einen MegaCorp arbeitet. Dabei schlägt er an der einen oder anderen Stelle über die Stränge.

Literatopia: SynthCity scheint eine klassische Cyberpunk-Metropole zu sein: ewige Nacht, Neonlicht, scharfe Kontraste zwischen Slums und der Welt der Reichen. Gibt es auch Alleinstellungsmerkmale? Oder hast Du Dich bewusst an Genreklischees gehalten?

Anna Lisa Franzke: Ja und nein. In SynthCity gibt es mehrere Ebenen, die durch Stahlträgerkonstruktionen voneinander abgeschnitten sind. Die unterste Ebene ist das, was wir als Slums aus anderen Cyberpunk-Geschichten kennen. Die oberste Ebene ist dagegen doch schon recht klischeemäßig die Welt der Reichen.

Da es meine erste Cyberpunk-Geschichte ist, wollte ich mich nah an den Genrekonventionen halten. Der Gedanke, dass wenn der Wohnraum knapp wird, dass dann einfach eine Ebene gezogen und oben drauf neu gebaut wird, fand ich jedoch sehr faszinierend.

Literatopia: In SynthCity bahnt sich eine Rebellion an – würdest Du uns mehr darüber verraten? Und haben die Menschen überhaupt eine Chance gegen ihren technologisch überlegenen Gegner?

Anna Lisa Franzke: Zusammengefasst fordern die Menschen „Brot und Sonne“. Also genug Nahrung, um zu überleben, und Zugang zu lebenswichtigen Dingen, wie Sonne, die ein Privileg der Superreichen auf der obersten Ebene ist.

Ich würde schon sagen, dass sie eine Chance haben. Ihre Gegner sind zwar reicher und technologisch fortschrittlicher, aber die Rebellen sind zahlenmäßig überlegen und haben Existenzängste im Nacken. Das kann ein sehr guter Antrieb sein. Ob sie erfolgreich sind oder nicht, verrate ich natürlich nicht. Es lohnt sich aber auf jeden Fall zu kämpfen.

the girl with the heart shaped glassesLiteratopia: Was fasziniert Dich persönlich an Cyberpunk? Und ist Cyberpunk eigentlich noch Science Fiction oder schon fast Realität?

Anna Lisa Franzke: Tatsächlich eine Vielzahl an Dingen. Zum einen die Neon-Ästhetik, aber auch die Möglichkeit alles mit Implantaten und Technik hinzubekommen. Und dazwischen immer wieder zu sehen, dass in einer hochtechnologisierten Welt ganz alltägliche Dinge wichtig werden wie Freundschaft, Selbstbestimmtheit und ähnliches.

Man muss schon sagen, dass vieles immer mehr zur Realität wird. Als ich angefangen habe, das Buch zu schreiben (das war im Sommer 2023), war zum Beispiel KI noch kein so riesiges Thema. In meinem Buch spielen künstliche Intelligenzen aber eine große Rolle. Mittlerweile sieht man KI-Features an jeder Ecke, in der Kreativ-Bubble ist es immer wieder eine Diskussion und gefühlt nutzt jede*r ChatGPT. Zu sehen, wie dystopische Zukunftsfiktionen Realität werden, ist schon ein wenig beängstigend. Das ist aber nicht nur bei Cyberpunk so, sondern in allen dystopischen Genres (inklusive SciFi).

Literatopia: Du bezeichnest Dich selbst als „professionelle Buchstaben-Anstarrerin“, weil sich bei Dir beruflich alles rund ums Buch dreht: Du arbeitest in einem Buchladen, schreibst, lektorierst und streamst. Wurde Dir als Kind viel vorgelesen? Und wann war für Dich klar, dass Du etwas mit Büchern machen willst?

Anna Lisa Franzke: Schon immer habe ich viel Zeit mit Geschichten verbracht. Mit die schönsten Kindheitserinnerungen sind, wenn meine Eltern mir abends vor dem Schlafgengehen eine Geschichte erzählt oder vorgelesen haben. Damals waren sie mir immer zu kurz – egal, wie lange meine Eltern erzählt haben. Also habe ich kurzerhand meinen Kuscheltieren selbst Geschichten erzählt. Damals habe ich noch nicht daran gedacht, dass man daraus einen Job machen könnte, aber es war schon immer ein großes Interesse von mir.

Als ich dann selbst lesen konnte, haben mir meine Eltern (und Verwandtschaft) viele Bücher geschenkt. Dass ich gerne lese, haben sie immer unterstützt, mir zum Beispiel eine Bibliothekskarte besorgt und meine hunderte Bücher nach Hause getragen.

Man kann also sagen, dass Geschichten mich schon mein gesamtes Leben begleiten. Solange ich denken kann, habe ich auf die Frage, was ich mal beruflich machen will, geantwortet mit „Geschichten schreiben“. Deswegen habe ich auch Literatur studiert und bin super glücklich, den Job in einer lokalen Buchhandlung bekommen zu haben.

Literatopia: In den letzten Jahren sinkt die Zahl der Menschen, die Bücher kaufen, immer weiter. Gleichzeitig kaufen die übriggebliebenen Leser*innen mehr Bücher. Wie schätzt Du die Zukunft des Buchmarktes ein? Setzt sich der Trend fort? Und wie kann man Menschen wieder zum Lesen bringen?

Anna Lisa Franzke: Oh, eine schwierige Frage. Vor allem mit dem Aufkommen von Booktok beobachte ich, wie wieder mehr Personen zum Lesen kommen, was mich sehr glücklich macht. Gleichzeitig nimmt die Buchbubble öfters toxische Züge an.

Auch ist ein Problem, dass viele Personen nicht das Geld haben, regelmäßig Bücher zu kaufen. Es ist also ein gesamtgesellschaftliches Problem. Man kann aber auch beobachten, dass Abo-Dienste wie KindleUnlimited oder auch Hörbuch-Streaming wie Bookbeat auf einem Allzeithoch sind. Das Bedürfnis nach Geschichten ist also da. Am Ende ist es, wie so oft, eine Geldfrage. Vermutlich wird in Zukunft immer mehr auf Abo-Dienste gesetzt. Das ist super schade, aber rein aus finanzieller Sicht, verstehe ich das vollkommen. 15-30 € für ein Buch hat nicht jede*r (regelmäßig) übrig.

Personen die Begeisterung des Lesens näher zu bringen, funktioniert wahrscheinlich am einfachsten in der Kindheit. Bei uns in der Buchhandlungen gibt es viele Veranstaltungen, die für Kinder ausgelegt sind. Zum Beispiel verschenken wir zum Welttag des Buches Bücher oder es gibt Lesungen extra für Kinder im Kindergarten und/oder Grundschulalter. Ansonsten ist Booktok oder Bookstagram eine gute Möglichkeit. Der Austausch kann helfen, die Begeisterung für Bücher (wieder)zufinden. Abseits des Zwanges.

anna lisa franzke20261Literatopia: Wie organisierst Du Dich beim Schreiben? Machst Du viele Notizen? Und plottest Du Deine Geschichten vor dem Schreiben durch oder schreibst Du erstmal drauflos?

Anna Lisa Franzke: Ich habe ein Notizbuch, wo ich alles reinschreibe, was mir wichtig ist – Termine, Plotschnipsel, Gedanken etc. Wenn ich mich für ein Projekt entschieden habe (oder eher entscheidet sich das Projekt für mich), mache ich meist einen ganz groben Plotabriss in eben jenes Notizbuch. Meistens reicht das schon, damit ich einfach losschreiben kann. Ich brauche nur einen groben Faden, an dem ich mich langhangeln und den Rest entdecken kann. In meinem Hinterkopf begleitet mich die 3-9-27-Methode, weil das die ist, mit der ich lange Zeit gearbeitet habe. Mittlerweile (nach gut 20 geschriebenen Büchern) geht mir das recht leicht von der Hand und ich muss nicht mehr so detailliert plotten und planen, wie noch am Anfang. Außerdem mag ich die Überraschungskomponente sehr.

Literatopia: Meldet sich Deine innere Lektorin zu Wort, während Du schreibst? Würdest Du sagen, Du blickst dadurch kritischer auf Deine eigenen Werke? Oder kannst Du das völlig trennen?

Anna Lisa Franzke: Glücklicherweise schaffe ich es einfach nur zu schreiben, wenn ich schreibe. Der erste Entwurf ist erst einmal nur dafür da, geschrieben zu werden. Erst in der Überarbeitung meldet sich dann meine innere Lektorin zu Wort. Den kritischen Blick auf mein Geschriebenes hatte ich jedoch auch schon bevor ich Lektorin geworden bin. Mit der Zeit und Übung konnte ich aber lernen, was tatsächlich konstruktive Kritik ist und was vom Selbstzweifel getrieben ist. In jedem Projekt gibt es ein Auf und Ab der Gefühle. Aber glücklicherweise schaffe ich es mittlerweile recht gut, zu erkennen, wieso ich mich wie fühle und wo es herkommt. Meine innere Lektorin bekommt den Raum in den Überarbeitungen, aber Selbstzweifel nehme ich zwar ernst, lasse sie jedoch nicht mein Handeln beeinflussen – oder versuche es zumindest.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend verraten, woran Du aktuell arbeitest? Auf welche weiteren Veröffentlichungen können wir uns freuen?

Anna Lisa Franzke: Derzeit arbeite ich an einer Neuerzählung von dem Hades & Persephone Mythos, aber in eine moderne Welt gesetzt und mit einem eigenen Spin. Die griechische Mythologie fasziniert mich schon seit ich das erste Mal „Percy Jackson“ gelesen habe. Im Spaß sage ich gerne, dass ich meine drei Lieblingsbücher in einen Topf geworfen habe und diese Geschichte rauskam: „Percy Jackson“, „Hunger Games“ und „A Touch of Darkness“. Ob das tatsächlich so ist, könnt ihr (hoffentlich) nächstes Jahr lesen!

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Anna Lisa Franzke: Danke für die tollen Fragen!


Autorinnenfotos: Copyright by Anna Lisa Franzke

Autorinnenwebsite: https://annalisafranzke.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.