Interview mit Dominik Jell
Literatopia: Hallo, Dominik! Kürzlich ist der Auftakt Deiner Manga-Reihe "Revolt" bei Carlsen erschienen. Was erwartet uns in Deiner düsteren Zukunftsvision?
Dominik Jell: Hallöchen :) Euch erwartet ein realistischer und zunehmend actionreicher Blick in eine kaum lebenswerte Zukunft, die durch Klimawandel, soziale Ausbeutung, extremen Kapitalismus und zwischenmenschliche Ausgrenzung geprägt sind. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft hat sich gebildet und die Spanne dazwischen wächst immer weiter.
Literatopia: Inwiefern hat die Klimakrise die Welt in "Revolt" verändert? Wie schützen sich die Reichen vor den Auswirkungen? Und was was hilft denen, die wenig oder nichts haben, zu überleben?
Dominik Jell: Die Auswirkungen der Klimakrise sind Grundlage für die Welt, die stellenweise dadurch unbewohnbar ist. Die Menschen, die dort leben, sind oft krank und beeinträchtigt. Die, die es nicht sind, können unter verhältnismäßig guten Umständen ihr Leben verbringen. Ohne viel vorwegzunehmen, gibt es nur wenig ehrliche Hilfe. Zusammenhalt ist wohl der größte Punkt.
Literatopia: Dein Protagonist Vold spürt jeden Tag, wie ungerecht das System ist. Wann und warum ist für ihn der Punkt erreicht, an dem er die Ungerechtigkeit nicht mehr hinnehmen will?
Dominik Jell: Der Punkt, den die Geschichte anspricht, ist sein 21ter Geburtstag. Als in der Welt jetzt Volljähriger und mit der durch einen mysteriösen Umschlag entstehenden Vermutung, seine Eltern haben bei einer Revolte (daher der Titel hehe) gegen das System mitgewirkt, möchte er nun nicht mehr nur einzelne Menschen unterstützen, sondern das Problem an seinem Ursprung anpacken und versuchen eine Einheit zu formen. Auf diesem Weg stellt sich aber heraus, dass nicht alles so ist, wie es scheint.
Literatopia: Würdest Du uns weitere Figuren aus „Revolt“ kurz vorstellen? Wer unterstützt Vold? Und wer macht ihm das Leben schwer?
Dominik Jell: Rey: Sie ist Volds beste Freundin und mit ihm aufgewachsen. Die beiden sind ziemlich gleich alt und pflegen ein geschwisterliches Verhältnis.
„Opa“: Hat die beiden (Vold und Rey) großgezogen und arbeitet mit Vold gemeinsam - als eine Mischung aus Chirurg und Mechaniker – an der Reparatur maschineller Teile, die in Menschen mit einer Beeinträchtigung leben müssen.
Liam: Wird von Opa gerufen und scheint in der Vergangenheit mehr mit dem Ganzen verwurzelt zu sein, wie man vielleicht zunächst vermutet.
Da kommen aber noch mehr in den Folgebänden ;)
Literatopia: "Revolt" enthält neben Cyberpunk-Ästhetik auch klassische Themen des Genres wie den harten Kontrast zwischen Arm und Reich, High-Tech und Low-Life. Was fasziniert Dich persönlich an Cyberpunk? Und wie nah ist unsere Realität bereits dran?
Dominik Jell: Wie nah wir wirklich dran sind, kann ich leider nicht sagen. Ich hoffe noch weit weg. Ich mag aber die Kontraste, die Cyberpunk und auch dystopische Settings zeigen, oft sehr gern. Sie geben einem einfach kreativen Spielraum, wie man sich als „Schöpfer“ dieser Welt die jeweilige Zukunft vorstellt. Wo Fortschritt herrschen kann oder wieder Rückschritte gemacht wurden …
Mein Ansatz ist und bleibt aber, einen Versuch zu starten, so realistisch wie möglich an die Sache ranzugehen. Ich glaube dann bekomme ich die Messages, die mir wichtig sind, auch am nachvollziehbarsten rüber.
Literatopia: "Revolt" soll insgesamt sechs Bände haben. Hast Du diese alle von Anfang an durchgeplottet, bevor Du angefangen hast, Band 1 zu zeichnen? Und inwiefern unterscheidet sich die fertige Version von Deinen ersten Entwürfen?
Dominik Jell: Yes! Alle 6 Bände stehen schon fix in ihrem Umfang und Ablauf. Mir war das wichtig, damit ich mich bei meinem ersten Werk mit einem solchen Umfang nicht verzettel, haha. Die Version ist dabei tatsächlich sehr nah am ursprünglichen Entwurf. Eher haben sich die Optik der Welt und die Charaktere im Entstehungsprozess noch geändert und wurden angepasst, damit das ganze etwas besser zur Story passt :)
Mir war es wichtig die Geschichte zeitnah releasen zu können und somit Leser*innen die Möglichkeit zu geben, in der Welt zu bleiben und nicht zu lange auf die Folgebände zu warten. Deshalb musste alles frühzeitig geplant sein. Aktuell bin ich in den finalen Zügen von Band 4.
Literatopia: Seit Du sieben Jahre alt warst, dreht sich bei Dir alles ums Zeichnen, Gestalten und Malen. Wie kamst Du dann zum Mangazeichnen? Was war Deine Einstiegsdroge in die Mangawelt?
Dominik Jell: Meine Einstiegsdroge war One Piece – was ein Glück auch, sich gleich so ein erfolgreiches und langes Werk ausgesucht zu haben, das mich bis heute noch begleitet. Wenn es wirklich Drogen wären, wäre das natürlich umso ungesünder und schlimm haha. Zum Glück sind Manga in der Regel harmlos ;)
Als großer Fan von Bildergeschichten, hat mich an Manga einfach die Art und Weise, wie Geschichten und Storys erzählt und aufgebaut werden, fasziniert. Als Kind natürlich noch nicht so bewusst, aber wenn ich zurückdenke, dann stelle ich schon fest, was mich damals einfach gefesselt haben muss. Schwarz/Weiß- und Tusche-Zeichnungen sind für mich heute noch unübertroffen ästhetisch. Charaktere, die sich entwickeln, verändern, aus der Geschichte fallen und maßgeblichen Einfluss auf die Welt haben. (Vergleicht man das mit den Lustigen Taschenbüchern z.B. werden nicht nur Figuren mit fixen Charaktereigenschaften in Plots gesetzt und das wars, sondern Charaktere haben in Manga dazugelernt und sich verändert.)
Außerdem fand ich es cool, dass dort richtig gekämpft wurde haha ;)
Literatopia: Worin liegen für Dich die besonderen Herausforderungen beim Zeichnen von Manga? Und wie viele Entwürfe braucht es bis zu einer fertigen Seite?
Dominik Jell: Das mit den Entwürfen ist schwierig zu sagen, da es ein stetiger Prozess ist und es so viele Schritte gibt bis zum finalen Manuskript. Die größte Herausforderung ist oftmals tatsächlich Einsamkeit. Man unterschätzt das, wie lange man über Monate allein an seinem Schreibtisch sitzt und zeichnet. Auch sollte ich für mich noch lernen, wann es vielleicht mal genug ist. Da es so gut wie nichts anderes gibt, was mir so viel Spaß macht, zeichne und schreibe ich in meiner Freizeit oder an freien Tagen auch. Der Kopf gibt einfach keine Ruhe haha :)
Literatopia: In Deiner Kurzbiografie heißt es, Du begeisterst Dich auch sehr für Tiere - inwiefern spielen Tiere eine Rolle in Deinen Manga?
Dominik Jell: Ich mag es einfach Tiere darzustellen. Sie sind einfach ehrlich. Ohne Hintergedanken oder bewusst böses Handeln. Ich möchte einfach in meinem Leben versuchen – mit den Mitteln, die ich habe – einen positiven Einfluss auf das Leben zu nehmen. Tiere zu unterstützen und mich an jedem Lebewesen zu erfreuen sind vermutlich noch länger Bestandteil als Mangalesen und –zeichnen mit Sieben.
Literatopia: Du arbeitest auch als Tätowierer und hast Dich auf japanische Tätowierkunst spezialisiert. Was sind die Besonderheiten japanischer Tattoos?
Dominik Jell: Ganz klar die Ästhetik und die Historie. Als ich zum ersten Mal einen Yakuza in einem Film gesehen habe, war ich so geflasht von dieser Art und Weise, wie das aussieht und wirkt, dass es mich seither nicht mehr losgelassen hat. Als dann eins zum anderen kam und ich für mich beschlossen habe, Tätowierer werden zu wollen, habe ich auch angefangen die Geschichte und die Grundlagen des Tätowierens im japanischen Stil zu lernen und zu verstehen.
Die Kombination aus Motiven mit Geschichte und Bedeutung. Die Platzierung auf dem Körper in Verbindung mit dynamischen Elementen, die als Hintergrund und Basis für das Motiv gelten. Die Art und Weise wie eine Tätowierung handwerklich umgesetzt wird. Kräftige Flächen, klare Linien und Kontraste geben dem Tattoo für Jahrzehnte die Möglichkeit gut auszusehen und dem Tagenden lange Freude zu bereiten - einfach perfekt und eine Symbiose aus Bedeutung, Handwerklicher Kunst und Tradition, als auch wahnsinnig ästhetisch zu sein.
Literatopia: Welche Mangamotive sind besonders beliebt als Tattoos?
Dominik Jell: Gute Frage – ich steche in den letzten Jahren tatsächlich immer weniger Manga-Motive und ich denke das kommt vermutlich auf die Generation drauf an, welche Manga man cool findet und mit welchen man sich stark verbunden fühlt. Ich denke deshalb bleibt meine Antwort recht neutral: Je größer und bekannter die Serie, desto beliebter ist es, sich daraus Motive tätowieren zu lassen.
Literatopia: Würdest Du uns abschließend verraten, welche Tattoos Deinen Körper zieren? Und hast Du welche davon selbst gestochen?
Dominik Jell: An meinem Oberschenkel gibt es ein paar selbstgestochene „Übungsmotive“. Ansonsten bin ich bis auf Hals, Achseln und eine kleine Stelle am Oberschenkel komplett voll (war ein langer Weg haha). Von Tiger, Drache, Raijin und Fujin ist vieles dabei. Die meisten Sachen haben aber einen bestimmten Grund, warum sie da sind und dienen hauptsächlich dazu. mich oder meine Geliebten zu beschützen.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Dominik Jell: Ich danke euch für die Möglichkeit und die tollen Fragen!!
Autorenfotos: Copyright by Dominik Jell
Website: https://www.dominikjell.de
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.