Carolin Lüders (05.07.2026)

Interview mit Carolin Lüders

carolin luedersLiteratopia: Hallo, Carolin! Im Mai ist Dein Science-Fantasy-Roman „Gestohlenes Licht“ erschienen, in dem wenige Nukleinbasen festlegen, wer welche Fähigkeiten erbt – um welche Fähigkeiten handelt es sich beispielsweise? Und welche Stellung haben magisch Begabte in der Gesellschaft?

Carolin Lüders: Hallo und vielen Dank für euer Interesse!

Es handelt sich ganz klassisch um eine Beeinflussung der „Naturkräfte“, also Gravitation steuern, Wind erzeugen usw. Eine der Fähigkeiten ist außerdem Gedanken lesen. In der Gesellschaft, wo diese Begabungen zunächst vorkommen, sind die Begabten Adlige und gelten als Abkömmlinge der Götter, womit sie ihre Herrschaft rechtfertigen. In den anderen Gesellschaften hingegen, die gerade erst anfangen, sich die Magie anzueignen, ist die Stellung von Begabten noch nicht festgelegt.

Literatopia: Erzähl uns mehr über Deine Fantasywelt, in der es Kristallmaschinen gibt – und Krieg. Wer kämpft gegen wen? Und warum?

Carolin Lüders: Verschiedene Staaten kämpfen darum, wer die magischen Fähigkeiten kontrolliert. Traditionellerweise gab es diese nur in dem Fürstentum Yrdaskörd, wo die Begabten als Adlige gelten. Doch dann begannen andere Staaten, die mehr auf Technologie setzen, die Magie wissenschaftlich zu erforschen, und es kam zum Krieg. Das Buch spielt nun nach dem Krieg, als der mächtige kapitalistische Staat Eludjeo die Vorherrschaft erlangt hat und sich Magie aneignet. Doch auch ein Konflikt um Kristalle droht, welche die Ressource für die moderne Technologie darstellen.

Literatopia: Den phantastischen Maschinen stehen religiöse Traditionen gegenüber. Was sind das für Traditionen? Woran glauben die Menschen?

Carolin Lüders: Es gibt in der Welt mehrere Religionen, aber im Buch werden vor allem zwei wichtige Traditionen thematisiert. Einerseits glauben viele Menschen in Yrdaskörd an Götter, von denen angeblich die Magie abstammt und die den Menschen für den Umgang damit jede Menge Regeln gegeben haben. Andererseits gibt es einen Glauben an eine Erdgöttin, der auf die Bewahrung der Natur gerichtet ist.

Literatopia: Deine Protagonistin Solvaid ist eine Ex-Soldatin, die dazu gezwungen wird, mit ihrer Gabe die Gedanken von Gefangenen zu lesen. Eigentlich wollte sie nur ein „ehrenhaftes Leben vor dem Gesetz und den Göttern“, doch dann kommen ihr Zweifel. Warum? Und welche Konsequenzen zieht sie daraus?

Carolin Lüders: Zunächst hat Solvaid im Krieg in der Armee von Yrdaskörd gedient und Gedanken gelesen – mit der Rechtfertigung, dass die Götter es so wollen. Die Qualen der Betroffenen hat sie dabei versucht zu verdrängen. Nun zwingt der gegnerische Staat Eludjeo sie dazu, die Gedanken anderer Gefangener zu lesen. Als sie Gefühle für eine Gefangene entwickelt, flieht sie mit ihr. Auf der Flucht kommen ihr Zweifel daran, ob ihre früheren Taten richtig waren, und sie beginnt eine Suche nach Wiedergutmachung.

Literatopia: Wissenschaftlerin Arizia erforscht Magie – und will Rache. Wofür? Und entwickelt auch sie Zweifel?

Carolin Lüders: Arizia war eine der Wissenschaftlerinnen aus den eher technikaffinen Staaten, die Magie erforscht haben. Im Krieg wurde sie vom Staat Yrdaskörd gefoltert und ihr Partner getötet, und dafür will sie Rache. Außerdem will sie mithilfe der Magie Stärke gewinnen, um nie wieder zum Opfer zu werden. Doch während ihrer Forschung kommen ihr Zweifel, ob es wirklich so unproblematisch ist, sich die Magie anzueignen.

Literatopia: Deine dritte Protagonistin ist die Fürstin Tora, die zurück an die Macht will. Warum hat sie diese zuvor verloren? Und ist sie wirklich die bösartige Tyrannin, für die ihre Feinde sie halten?

Carolin Lüders: Tora war die Fürstin von Yrdaskörd, das im Krieg besiegt wurde. Infolge der Kriegsniederlage wurde sie abgesetzt und musste fliehen. Sie tut ohne Zweifel jede Menge furchtbare Dinge, hat allerdings einen eigenen rationalen Grund dafür. Ich halte ohnehin wenig davon, in „Gut“ und „Böse“ einzuteilen. Die Lesenden sollen sich selbst ein Bild machen von den Interessen, die da unterwegs sind. Dann kann man natürlich auch zu dem Schluss kommen, dass man die allesamt doof findet :D

Literatopia: Was reizt Dich persönlich am Mix aus Science Fiction und Fantasy?

Carolin Lüders: Mich reizt einerseits der Aspekt der Fantasy, eine Flucht aus dem Alltag zu erleben und sich nahezu alles ausdenken zu können, was man will. Andererseits reizt mich die Fähigkeit der Science Fiction, Technologie und Gesellschaft weiterzudenken. Generell finde ich an der Phantastik toll, reale Themen und Probleme in einer veränderten Form zu verarbeiten, sodass die Lesenden (und die Schreibenden) weniger vorurteilsbehaftet daran herangehen.

Literatopia: Du arbeitest als Physikerin. Inwiefern bringst Du Deine wissenschaftliche Expertise in Deine Geschichten ein?

Carolin Lüders: Das wissenschaftliche Arbeiten kommt vor allem beim Handlungsstrang von Arizia vor, wobei sie nicht in der Physik, sondern in der Gentechnik tätig ist (hierzu hat mir meine gute Schreibkollegin Elena geholfen, die in dem Bereich studiert). Aber keine Sorge: Es gibt im Buch keine wissenschaftlichen Abhandlungen ;)

Literatopia: Mit etwa sieben Jahren hast Du Deine erste Geschichte geschrieben, eine Portal Fantasy. Danach hast Du viele Geschichten angefangen, aber nicht zu Ende geschrieben – woran bist Du gescheitert? Und was hat sich 2017 geändert?

Carolin Lüders: Meistens wusste ich einfach nicht, wie es nach dem Anfang weitergehen sollte. 2017 hat mein Bruder verkündet, dass er einen Fantasy-Roman schreiben möchte. Davon inspiriert habe ich mir gedacht, ja, warum eigentlich nicht? Und ich habe beschlossen, das Schreiben gezielt anzugehen. Ich habe viel über Plotstrukturen gelesen, das hat mir geholfen, wenn ich nicht weiterwusste. Dazu empfehle ich vor allem das Buch „Structuring Your Novel“ von K. M. Weiland.

Literatopia: Du hast bereits viele Kurzgeschichten in Anthologien und Magazinen veröffentlicht. Was zeichnet für Dich eine wirklich gelungene Kurzgeschichte aus?

Carolin Lüders: Gute Frage, das finde ich nicht leicht zu beantworten, da es gerade bei Kurzgeschichten so viel Varianz und Experimente gibt – was ja auch den Reiz daran ausmacht. Ich persönlich würde sagen, eine gelungene Kurzgeschichte enthält einen interessanten Aufhänger, ist sprachlich gut oder sogar außergewöhnlich geschrieben, und ich mag es, wenn es eine gewisse Wandlung darin gibt. Also wenn die Charaktere eine Erkenntnis gewinnen und vom Ausgangspunkt zu einem veränderten Punkt gelangen.

Literatopia: Egal ob Roman oder Kurzgeschichte: Überarbeiten gehört beim Schreiben dazu. Wie gehst Du dabei vor? Und wenn Du Deine ersten Entwürfe mit den finalen Versionen vergleichst: Änderst Du viel?

Carolin Lüders: Bei meinem Roman hat sich viel geändert, da ich weniger planend, sondern mehr entdeckend geschrieben habe. Bei Kurzgeschichten sind es meist nicht ganz so viele Änderungen. Generell schreibe ich einen ersten Entwurf, lasse diesen eine Weile liegen, überarbeite ihn dann einmal selber, dann kommen die Testlesenden dran, und dann überarbeite ich es noch mal.

Literatopia: Inzwischen nutzen auch manche Autor*innen KI für ihre Werke, woran es meiner Meinung nach zu Recht viel Kritik gibt. Wie stehst Du dazu?

Carolin Lüders: Ein von KI geschriebenes Werk würde mich weder als Leserin noch als Autorin interessieren. Ich kann nachvollziehen, wenn man KI als Hilfe zum Recherchieren o.ä. nutzt. Doch den Teil, der den Ausdruck eigener Gedanken und Gefühle enthält, von KI übernehmen zu lassen, verstehe ich nicht – außer, es geht einem rein ums Geld verdienen.

Literatopia: Würdest Du uns abschließend etwas über zukünftige Veröffentlichungen verraten? Schreibst Du bereits an einem neuen Roman? Und wann erscheint die nächste Kurzgeschichte von Dir?

Carolin Lüders: Ich bin dabei, meinen neuen Roman zu plotten, der auch in der Welt von „Gestohlenes Licht“ spielen wird. Vorwiegend bin ich aber noch mit Lesungen, Buchmessen usw. beschäftigt und allem, was sonst so im Leben los ist. Gerade ist die Kurzgeschichte „Atelier Yggdrasil“ im Queer*Welten Magazin erschienen, darin geht es um die Nornen (Schicksalsgöttinnen aus der nordischen Mythologie), die ein Tattoostudio betreiben. Außerdem wird eine Kurzgeschichte in der Anthologie „Ewiges Leben“ beim Elysion Verlag erscheinen, sowie eine Kurzgeschichte in einer queeren Anthologie von Lektorat Fidelitas.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Carolin Lüders: Vielen Dank euch!


Autorinnenfoto: Copyright by Corina Minzlaff

Autorinnenwebsite: https://carolin-lueders.de


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.