Jennifer Kuro (21.06.2026)

Interview mit Jennifer Kuro

jennifer kuro2026Literatopia: Hallo, Jennifer! Kürzlich ist der erste Band Deiner dystopisch-romantischen Dilogie „The Mind Games“ erschienen. Die titelgebenden Mind Games sind brutale Spiele, die über die Zukunft und sogar Leben und Tod entscheiden. Wie sieht eine (zukünftige?) Welt aus, in der solche Spiele veranstaltet werden?

Jennifer Kuro: Die Welt von The Mind Games wirkt auf den ersten Blick nach einem Krieg geordnet und sicher. Es gibt große, wohlhabende Metropolen. Jeder Mensch kennt seinen Platz, die Regeln sind klar und die Regierung verspricht Stabilität und Wohlstand. Im Mittelpunkt steht eine Gesellschaft, die gelernt hat, Angst als etwas Normales zu akzeptieren.

Mich hat bei der Entwicklung dieser Welt besonders die Frage interessiert, wie weit eine Gesellschaft gehen würde, wenn sie über Generationen hinweg von Kontrolle gesteuert wird. Was passiert, wenn Menschen glauben, dass Sicherheit wichtiger ist als Freiheit? Wenn Leistung über den Wert eines Menschen entscheidet? Und wenn Unterhaltung dazu genutzt wird, von den eigentlichen Problemen abzulenken? Die Menschen in The Mind Games sind mit den Spielen aufgewachsen. Viele hinterfragen sie nicht mehr, sondern betrachten sie als notwendigen Teil ihres Systems. Genau das macht die Welt so gefährlich. Nämlich nicht die offensichtliche Brutalität, sondern die Tatsache, dass sie von den meisten längst akzeptiert wurde.

Die Mind Games sind deshalb weit mehr als nur ein Wettbewerb. Sie sind ein Instrument der Kontrolle. Gleichzeitig zeigen sie, wie Menschen reagieren, wenn ihr eigenes Überleben auf dem Spiel steht. Ob diese Zukunft tatsächlich möglich ist, muss jede:r Leser:in selbst entscheiden. Aber viele der Themen, die im Buch vorkommen, wie Leistungsdruck, soziale Ungleichheit, Überwachung und die Macht von Medien, sind bereits heute Teil unserer Realität. Ich habe sie lediglich weitergedacht.

Literatopia: Stell uns Deine Protagonistin Aura näher vor: Was ist sie für ein Mensch? Wie ist sie aufgewachsen? Und wodurch kommen ihr Zweifel am System?

Jennifer Kuro: Aura ist als klassisches Kind des Systems ohne Eltern aufgewachsen, in einer Art »Heim« der Regierung, das ich das »Nest« nenne. Für sie gehören die Mind Games zum Alltag. Sie ist niemand, der nach Aufmerksamkeit sucht oder die Welt verändern möchte. Aura ist eher ein kluger, aber vorsichtiger Mensch, der versucht, nicht aufzufallen und seinen Platz im System zu finden. Gleichzeitig besitzt sie einen starken Gerechtigkeitssinn und stellt Fragen, auch wenn sie die Antworten manchmal lieber nicht hören würde. Eigentlich möchte sie nur ein normales Leben führen und die schützen, die sie liebt. Gerade deshalb gerät sie in einen Konflikt mit einem System, das verlangt, dass Menschen funktionieren und nicht hinterfragen.

Genau darin liegt für mich Auras größte Stärke. Sie ist keine klassische Rebellin, die von Anfang an gegen alles kämpft. Ihre Zweifel entstehen schleichend. Sie beginnt hinzusehen, wo andere wegschauen, und einen Wunsch nach Freiheit zu entwickeln. Das macht ihren Weg zwar gefährlich, aber auch sehr menschlich.

Literatopia: Aura leidet an Panikattacken – sicher ein lebensbedrohendes Risiko für die Spiele? Wie geht sie damit um?

Jennifer Kuro: Definitiv. In einer Situation, in der eine Handlung über Leben und Tod entscheiden kann, sind Panikattacken ein enormes Risiko. Aber es war mir wichtig, Aura diese Herausforderung mitzugeben.

Oft werden Heldinnen als furchtlos dargestellt. Mich hat jedoch die Frage interessiert, wie jemand über sich hinauswachsen kann, der Angst nicht einfach abschütteln kann. Aura hat keine Angst, weil sie schwach ist. Sie hat Angst, weil sie ein Mensch ist, der unter extremem Druck steht und vieles bereits im Kindesalter durchleiden musste. Der Unterschied ist, dass sie trotz dieser Angst weitermacht.

Im Laufe der Geschichte entwickelt sie verschiedene Strategien, um mit ihren Panikattacken umzugehen, aber sie verschwinden nicht plötzlich. Für mich war wichtig, das möglichst authentisch darzustellen. Stärke bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Stärke bedeutet manchmal, den nächsten Schritt zu gehen, obwohl die Angst da ist. Und genau das muss Aura während ihrer Reise immer wieder lernen.

the mind games1Literatopia: Um zu überleben, ist Aura auf den maskierten Spieler Dark angewiesen. Ist es üblich, dass Spieler sich maskieren? Wer ist dieser Mann?

Jennifer Kuro: Nein, tatsächlich ist es keineswegs üblich, dass Spieler maskiert an den Mind Games teilnehmen. Genau deshalb fällt Dark sofort auf. Während alle anderen ihr Gesicht zeigen, verbirgt er seine Identität.

Für Aura wird er schnell zu einem Rätsel. Einerseits ist er als skrupelloser Spieler bekannt, andererseits lernt sie ihn während der Spiele auch von einer anderen Seite kennen. Je mehr Zeit Aura mit ihm verbringt, desto mehr Fragen wirft er auf.

Wer Dark wirklich ist, gehört natürlich zu den großen Geheimnissen der Geschichte. Was ich aber verraten kann: Hinter der Maske steckt weit mehr als nur ein talentierter Spieler. Seine Verbindung zu den Mind Games reicht tiefer, als Aura zunächst ahnt und seine Geheimnisse könnten alles verändern, woran sie glaubt.

Literatopia: Aura hatte auf die Unterstützung ihres besten Freundes Elias gehofft, doch als die Spiele beginnen, ist er nicht bei ihr. Was ist mit Elias passiert?

Jennifer Kuro: Elias ist für Aura weit mehr als nur ein Freund. Er ist einer der wenigen Menschen, bei denen sie sich wirklich sicher fühlt. Jemand, der sie kennt und der sie nicht auf ihre Ängste oder ihre Rolle innerhalb des Systems reduziert.

Deshalb trifft es sie besonders hart, als sie die Mind Games ohne ihn antreten muss. Dass sie nicht direkt zusammen teilnehmen, hängt mit den Regeln zusammen, aber seine Abwesenheit verändert Auras Weg durch die Spiele entscheidend.

Literatopia: Inwiefern ist bei einem so brutalen Setting Platz für Romantik? Und auf Instagram deutest Du ein Love Triangle an – was fasziniert Aura jeweils an Dark und Elias?

Jennifer Kuro: Gerade in einer Welt wie der von The Mind Games spielt Romantik eine ganz besondere Rolle. Wenn alles um einen herum kontrolliert wird und Gefühle eher als Schwäche ausgelegt werden, gewinnen zwischenmenschliche Beziehungen noch mehr an Bedeutung. Vertrauen, Nähe und die Frage, wem man wirklich sein Herz anvertrauen kann, werden plötzlich genauso wichtig wie das reine Überleben.

Bei Elias und Dark ging es mir nie darum, einfach zwei mögliche Love Interests gegenüberzustellen. Sie stehen für ganz unterschiedliche Dinge in Auras Leben.

Elias ist mit ihrer Vergangenheit verbunden. Er kennt sie, bevor die Spiele begonnen haben, weiß um ihre Ängste und gibt ihr ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit.

Dark hingegen ist das komplette Gegenteil. Er ist ein Rätsel für Aura, jemand, dem sie zunächst nicht vertrauen kann und der sie gleichzeitig immer wieder überrascht. Durch ihn wird sie gezwungen, ihre eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und über sich hinauszuwachsen.

Was mich an dieser Dynamik besonders fasziniert, ist die Frage, ob Liebe in einer Welt voller Misstrauen überhaupt möglich ist und ob man jemandem vertrauen kann, wenn man selbst nicht weiß, was Wahrheit und was Täuschung ist.

Literatopia: „The Mind Games“ erinnert an „Die Tribute von Panem“, dem immer noch bekanntesten Werk mit dem Trope Deadly Trials. Was reizt Dich persönlich an dem Trope? Und was muss ein solcher Roman mitbringen?

Jennifer Kuro: Natürlich kommt man bei einem Trope wie Deadly Trials schnell auf Die Tribute von Panem, denn die Reihe hat dieses Genre nachhaltig geprägt. Was mich an diesem Trope aber schon immer fasziniert hat, ist nicht nur der Kampf ums Überleben, sondern vor allem die Frage, was extreme Situationen mit Menschen machen.

Ein tödlicher Wettbewerb zwingt Figuren dazu, Entscheidungen zu treffen, die sie unter normalen Umständen vielleicht niemals treffen würden. Wem kann man vertrauen? Was ist man bereit zu opfern? Und wo liegt die Grenze zwischen Überleben und dem Verlust der eigenen Menschlichkeit?

Für mich muss ein guter Deadly-Trials-Roman deshalb mehr bieten als spektakuläre Prüfungen oder Action und obwohl der Titel es vielleicht suggeriert, sind die Spiele nur ein Teil der Gesamthandlung.

Die Herausforderungen müssen etwas über die Figuren erzählen und sie verändern. Am spannendsten finde ich Geschichten, in denen auch die inneren Konflikte der Charaktere eine Rolle spielen. Denn am Ende sind es nicht die Spiele selbst, die den Leser berühren, sondern die Menschen, die darin bestehen müssen.

Literatopia: Für Romance ist ein Farbschnitt heutzutage fast schon ein Muss. Auch „The Mind Games“ kommt mit schickem Buchschnitt daher – wie wichtig ist für Dich die äußere Gestaltung eines Buches?

Jennifer Kuro: Natürlich ist der Inhalt das Wichtigste. Eine wunderschöne Gestaltung kann keine gute Geschichte ersetzen. Aber ich liebe es, wenn die äußere Gestaltung die Atmosphäre eines Buches widerspiegelt und die Lesenden bereits beim ersten Blick in die Welt eintauchen können. Deshalb bin ich sehr froh, dass das Design so schön umgesetzt wurde.

Gerade bei Fantasy, Romance und Dystopien finde ich es spannend, wie viel über Farben, Symbole und kleine Details transportiert werden kann. Cover und Farbschnitt können ein Gefühl vermitteln und das Buch zu etwas Besonderem machen, das man gerne im Regal stehen hat.

Bei The Mind Games ist es schön, dass die Gestaltung die Stimmung der Geschichte einfängt: die moderne, futuristische Metropole der Zukunft, aber auch die emotionale Ebene, die durch die Mondviolen ergänzt wird, denen im Buch eine besondere Bedeutung zukommt. Ich freue mich sehr, wenn Lesende das Buch in den Händen halten und schon durch die Optik ein Gefühl für die Welt bekommen.

Literatopia: Vor dem Erscheinen von „The Mind Games“ hast Du bereits einige Informationen auf Instagram geteilt. Wie wichtig ist Social-Media-Präsenz heutzutage für Autor*innen? Und worauf achtest Du bei der Gestaltung Deiner Beiträge, um das Interesse potentieller Leser*innen zu wecken?

Jennifer Kuro: Social Media war tatsächlich nie etwas, das sich für mich ganz natürlich angefühlt hat. Ich bin eher ein Mensch, der hinter den Geschichten stehen möchte und nicht unbedingt selbst im Mittelpunkt. Gerade heute, wo viele Autor:innen auch sehr stark als eigene Marke auftreten und viel von sich persönlich teilen, habe ich für mich gemerkt, dass ich mich wohler damit fühle, den Fokus auf meine Bücher und die Welten zu legen, die ich erschaffe.

Natürlich ist Social Media inzwischen eine wichtige Möglichkeit, mit Leser:innen in Kontakt zu treten und Einblicke in den Entstehungsprozess eines Buches zu geben. In diesem Umfang habe ich damit aber tatsächlich erst begonnen, nachdem ich meinen Verlagsvertrag in der Tasche hatte. Vorher war das Schreiben für mich vor allem ein sehr persönlicher Prozess.

Bei meinen Beiträgen achte ich deshalb besonders darauf, die Atmosphäre meiner Geschichten einzufangen. Ich teile gerne Eindrücke aus der Welt, Charaktere, Zitate oder Stimmungen, die neugierig machen, ohne zu viel vorwegzunehmen. Für mich soll Social Media vor allem eine Einladung sein. Sozusagen eine kleine Tür in die Geschichte, durch die Lesende einen ersten Blick in die Welt werfen können.

the mind games2Literatopia: Wann und warum hast Du mit dem Schreiben angefangen? Und wovon handelten Deine ersten Geschichten?

Jennifer Kuro: So richtig ernsthaft mit dem Schreiben begonnen habe ich erst 2023. Natürlich habe ich auch vorher schon geschrieben, vor allem Gedichte und Poesie, aber das war immer etwas sehr Persönliches für mich. Ich hatte nie diesen klassischen Kindheitstraum, irgendwann Autorin zu werden oder meine Geschichten mit der Welt zu teilen.

Der Wendepunkt kam tatsächlich durch einen kleinen Umweg. Ich habe an einem Wettbewerb für eine Anthologie teilgenommen und mein Gedicht wurde ausgewählt. Das war für mich ein unglaublich schönes Gefühl und hat in mir die Frage geweckt: Warum es nicht auch einmal mit anderen Textformen versuchen?

Danach habe ich mich immer weiter ausprobiert. Von Gedichten über Drabbles bis hin zu Kurzgeschichten. Dabei habe ich viel gelernt und durfte auch bereits Texte in verschiedenen Anthologien veröffentlichen. Ich glaube, wenn ich mir ein Ziel setze, bin ich sehr ausdauernd und möchte herausfinden, was möglich ist. Genau diese Neugier und dieser Ehrgeiz haben mich dann in kleinen Schritten weitergebracht.

The Mind Games ist nun mein Romandebüt und damit der bisher größte Schritt auf dieser Reise.

Literatopia: Gehörst Du zu denen, die jedes Kapitel vor dem Schreiben durchplotten? Oder schreibst Du mit einer Idee im Kopf erstmal drauf los? Und wie sehr unterscheidet sich die erste von der finalen Version?

Jennifer Kuro: Ich glaube, ich bin tatsächlich eher eine Autorin, die eine Geschichte entdeckt, während sie sie schreibt. Ich hatte bei The Mind Games eine grobe Idee, wusste, in welche Richtung die Geschichte gehen sollte, aber ich hatte nicht jedes Kapitel oder jeden einzelnen Handlungsschritt im Voraus geplant. Vieles hat sich erst während des Schreibens entwickelt. Manchmal haben mich die Figuren selbst überrascht oder die Geschichte hat Wendungen genommen, mit denen ich am Anfang gar nicht gerechnet hatte.

Gerade die erste Version von Band 1 unterscheidet sich deshalb deutlich von der finalen Fassung. Beim Überarbeiten habe ich viel über Struktur, Spannungsaufbau und Figurenentwicklung gelernt und die Geschichte immer weiter geschärft.

Bei Band 2 war es anders. Da war die Welt bereits klarer in meinem Kopf und ich bin deutlich strukturierter an das Schreiben herangegangen.

Ich denke, Schreiben ist am Ende auch ein Handwerk, das man immer weiter lernt. Jede Geschichte, jedes Kapitel und jedes geschriebene Wort bringt neue Erfahrungen mit sich und genau das finde ich auch so spannend daran.

Literatopia: Im August erscheint der zweite Teil von „The Mind Games“ – und nach dem Buch ist vor dem Buch. Arbeitest Du bereits an etwas Neuem und würdest uns etwas darüber verraten?

Jennifer Kuro: Nach The Mind Games ist tatsächlich schon vor dem nächsten Projekt. Ich darf noch nicht allzu viel verraten, aber aktuell arbeite ich bereits an einer neuen Geschichte, an der mein Herz sehr hängt und die ich hoffentlich bald mit meiner Agentin weiter auf den Weg bringen darf.

So viel kann ich sagen: Es geht diesmal in eine andere Richtung, weg von der Dystopie und mehr in den Bereich Romantasy. Ich liebe es, neue Welten zu erschaffen und Figuren zu schreiben, die sich zwischen großen Gefühlen, Konflikten und schwierigen Entscheidungen bewegen. Deshalb freue ich mich sehr darauf, dieses Projekt weiterzuverfolgen und hoffe sehr, dass die Geschichte ihren Platz finden wird.

Bis dahin freue ich mich aber natürlich erst einmal darauf, den zweiten Band von The Mind Games mit den Leser:innen zu teilen und habe auch noch den ein oder anderen Anthologie-Beitrag für dieses Jahr in petto.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorinnenfoto: Copyright by Jennifer Kuro


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.