Freya Petersen (08.10.2026)

Interview mit Freya Petersen

freya petersen2026Literatopia: Hallo, Freya! Im September erschien mit „Splitter“ der zweite Band Deiner Dark-Fantasy-Reihe „Die Mutter der Masken“, in der Du eine Fantasywelt nach einem Krieg beschreibst. Wer hat hier wen bekämpft und wer hat „gewonnen“? Und inwiefern hat das Deine Welt verändert?

Freya Petersen: Hallo Judith, hallo Literatopia, danke für die Einladung zum Gespräch!

Die Mutter der Masken spielt zwanzig Jahre nach zwei sich überlappenden Kriegen, einmal zwischen Menschen und Irrlichtern und ein Bürgerkrieg zwischen magischen und nichtmagischen Menschen. Wie bei allen Kriegen hat nicht wirklich jemand „gewonnen“, doch die Herrin der Irrlichter gilt als tot, und zum ersten Mal in der menschlichen Geschichtsschreibung sind Magische in den wichtigsten Machtpositionen vertreten. Verändert haben die Kriege die Welt vor allem, da sie die Menschen extrem geprägt haben; ein Paradebeispiel dafür ist die Mutter von Protagonistin Olga, die Kriegsveteranin Olathe.

Literatopia: Alchemie hat Erzweiden ein goldenes Zeitalter beschert – wie? Und warum müssen dafür magische Kreaturen mit ihrem Leben bezahlen?

Freya Petersen: Alchemie ist eine Methode, mit der die Eigenschaften von magischen Kreaturen auf Gegenstände übertragen werden, sodass Menschen sie für ihre Zwecke benutzen können. Allerdings sterben bei dieser Prozedur die magischen Kreaturen; eine Ausbeutung, die dem Hauptschauplatz, der Metropole Erzweiden, einen industriellen Aufschwung ermöglicht hat.

Literatopia: Deine Protagonistin Olga muss ihre Heilkräfte verbergen, denn der Frieden zwischen Magischen und Nichtmagischen ist porös und ihr droht Verfolgung. Wie gelingt es ihr, ihre Magie zu verbergen? Und was ist Olga für ein Mensch?

Freya Petersen: Durch Alkoholmissbrauch und ein … nennen wir es mal liebevoll „stacheliges“ Temperament, mit dem Olga sicher geht, dass niemand ihr nahe genug kommt, um sie als Magierin zu enttarnen. Sie ist ein Mensch, der durch ihre harte Kindheit aggressiver statt stiller wurde und einen sehr weichen Kern mit sehr harten Worten verteidigt. Sie hat eine massive Tendenz zu Tunnelblick, ihre Entscheidungen aus Trauma heraus zu treffen und mit Gossensprache um sich zu schießen.

Literatopia: Olga lebt mit ihrer Mutter Olathe zusammen, Magische und Nichtmagische unter einem Dach. Wie sieht ihre Beziehung zueinander aus?

Freya Petersen: Die Liebe zwischen Mutter und Tochter ist da (sehr viel von ihr sogar), der Wille zur Kommunikation ebenso, nur an der Umsetzung scheitert es häufig. Als ehemalige Soldatin und Nichtmagische hat Olathe unter anderem magische Menschen umgebracht, nun ist ihre Tochter selber Magierin, und Olathe würde morden für ihr Kind. Olathe gilt in Erzweiden als Heldin, ist jedoch zu einem solchen Grad traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt, dass Olga von klein auf die meiste Carearbeit übernehmen und die Familie finanziell stemmen muss. Dieser Druck belastet natürlich Olga und die Beziehung zu ihrer Mutter massiv. Die beiden wollen nur das Beste füreinander, gleichzeitig leben sie sehr nach dem Mantra „Wir zwei zusammen gegen die Welt“. Was auf der einen Seite Olga sicher(er) vor Verfolgung hält, auf der anderen Seite natürlich auch von möglichen Verbündeten und anderen Arten der Liebe isoliert.

die mutter der masken saeureLiteratopia: Würdest Du uns die wichtigsten Figuren neben Olga und Olathe kurz vorstellen? Wer unterstützt sie? Und wer macht ihr das Leben schwer?

Freya Petersen: Wir haben einmal Mora, mit der sowohl Olga als auch ihre Mutter Olathe … schlechte Erfahrungen gemacht haben. Sie ist nicht nur eine berühmte Kommandantin aus den Zeiten der Kriege (deren rechte Hand Olathe war), heute ist sie primär faschistische Alchemistin und Antagonistin in Vollzeit. Weil ich es meinen Figuren gerne kompliziert mache, ist Olga jämmerlich in Moras jüngere Schwester, Milan, verschossen. Milan wiederum ist Nerd für alles Magisch-Technische und kämpft in der Gegenwart vor allem damit, den Einfluss ihrer großen Schwester abzuschütteln.

Dann haben wir Feres, Magier in Frührente, der eines Tages bei Olga auftaucht und behauptet, der Bruder ihrer Mutter zu sein. Und komplett macht die Runde Lero, der einfach irgendwie als „Zivilist“ mit in die Geschichte geworden wurde und primär für die emotionale Intelligenz unter unseren Protagonist*innen zuständig ist.

Literatopia: Kommen wir zum zweiten Band „Splitter“ – was kannst Du uns darüber verraten, ohne zu sehr zu spoilern?

Freya Petersen: Nachdem mit Band 1 die Grundlagen gelegt sind und wir Olga und ihre Welt richtig kennengelernt haben … werfen wir mit Band 2 eine Stange Dynamit in die Geschichte und treten eine Achterbahnfahrt der Konsequenzen und Charakterentwicklungen los. Ich behaupte, Band 2 ist gleichzeitig noch düsterer, aber auch noch witziger als Band 1. Außerdem kriegen wir eine zweite Erzählperspektive zu Olgas hinzu (und damit noch mehr Einblicke in Milans und Moras fucked up Familiendynamik, juhu)!

Literatopia: „Die Mutter der Masken“ wird als „Anime zum Lesen“ beworben – inwiefern waren Anime eine Inspiration für die Reihe?

Freya Petersen: Ich habe mein Bestes gegeben, die Bildsprache von Animes und Animation im Allgemeinen in mein Schreiben zu übersetzen (vor allem bei den Actionszenen), und auch auf der Storytelling-Ebene nehme ich mir sehr gerne Inspiration. Konkrete Einflüsse waren von Anfang an Fullmetal Alchemist, Prinzessin Mononoke, Dorohedoro, Legend of Korra, She-Ra and the Princesses of Power und noch Einiges mehr. Im Laufe der Arbeit an Band 2 dazugekommen sind: Arcane, The Owl House und Blue Eye Samurai.

Literatopia: In Rezensionen zu „Säure“ sind sich viele einig, dass man etwas braucht, um in die Story hineinzufinden (und sie dann richtig geil findet) – woran liegt das Deiner Meinung nach? Hast Du als Autorin vielleicht auch etwas gebraucht, um richtig in die Story reinzukommen?

Freya Petersen: Band 1 hat die etwas fiese (und größenwahnsinnige) Aufgabe von mir aufgedrückt bekommen, die Lesenden gleichzeitig in eine sehr komplexe Welt einzuführen und ihnen nicht weniger komplexe Protagonistinnen nahe zu bringen – und dabei etwa fünf Mysterien auf einmal durchsickern zu lassen. Und weil ich als Debüt-Autorin einen besonders guten Job machen wollte, bin ich dabei sehr genau und im Detail vorgegangen. Don't get me wrong, die Details erwecken Die Mutter der Masken überhaupt erst zum Leben und sammeln sich über den Laufe von Band 1 zu einem ordentlichen Twist an. Aber es ist eindeutig ein Buch, auf das man sich einlassen und bei dem man damit okay sein muss, sehr lange einiges nicht zu wissen und nur eine Ahnung zu haben, was der „big bad epic Fantasyplot“ hinter Olgas Slice of Life Drama ist.

Literatopia: Du beendest aktuell Dein Studium am Literaturinstitut Hildesheim und Deine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem queere und neurodivergente Repräsentation. Wie ist Dein Blick auf die deutschsprachige Phantastik in dieser Hinsicht?

Freya Petersen: Es gibt meinem Eindruck nach einen Anstieg von (komplexer, interessanter, durchdachter, fun!) queerer und neurodivergenter Repräsentation in der Phantastik und im Allgemeinen. Allerdings primär im Indiebereich – im Selfpublishing und in Kleinverlagen –, was ich einfach erstmal neutral konnotieren würde und was nicht überraschend ist, finden in diesen Bereichen quasi per Struktur vorgegeben immer mehr Innovationen statt als in Großverlagen. Bei diesem Anstieg ist aber auch wichtig, zwischen verschiedenen Elementen von Queerness zu differenzieren (Queerness in der deutschen Phantastiklandschaft ist immer noch überwältigend durch weiße cis Männerfiguren vertreten). Was mich persönlich besonders freut, ist, dass sich vor allem im Bereich queerer Repräsentation immer mehr Autor*innen die Erlaubnis geben, fucked up and messy Queers zu schreiben, die einem heteronormativen Publikum nicht unbedingt gefallen müssen (gefallen zu wollen ist meiner Meinung oft ein sehr kontraproduktiver Ansatz, wenn es ums Schreiben von marginalisierten Menschen als … nun, MENSCHEN geht).

Literatopia: In „Die Mutter der Masken“ gibt neben jeder Menge Queerness auch neurodivergente bzw. „neurospicy“ Repräsentation. Was ist denn „neurospicy“?

Freya Petersen: Neurospicy ist ein eher humorvoll/selbstironisch konnotierter Begriff für Neurodivergenz. Neurodivergenz wiederum kommt aus den Behindertenrechtsbewegungen und dient als Schirmbegriff für Menschen, deren Funktionsweisen des Gehirns und der Reizverarbeitung nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen (wobei sich Definitionen gerne etwas unterschieden). Darunter fallen ua. Autist*innen, Menschen mit ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette-Syndrom und vieles mehr. Wichtig ist dabei, dass Gespräche über Neurodivergenz meistens aus der Intention heraus stattfinden, unsere gesellschaftlich und kulturell aufgestelltes Bild eines „normalen“ Menschen zu hinterfragen und für ein Verständnis menschlicher Eigenschaften aus dem Blickwinkel der Neurodiversität zu plädieren.

die mutter der masken splitterLiteratopia: Gute Bücher entspringen selten einzig den Gedanken der Autor*innen, sondern brauchen Feedback, um zu wachsen und richtig gut zu werden. Von wem bekommst Du hilfreiches Feedback und wie entscheidest Du, was Du umsetzt oder doch auch mal ignorierst?

Freya Petersen: Feedback hole ich mir immer zuerst bei meinen Autor*innendfreund*innen ein, allen voran im Lost Hero Publishing Gruppenchat. Lektorin Kim (vom Autorenduo Mika D.Mon) und Autor Loki Feilon sind in alle Twists und Enthüllungen der Reihe eingeweiht, einschließlich dem geplanten Finale von Band 4, deswegen kann ich beim Schreiben sehr gut mit ihnen zusammen laut nachdenken. Autor Liv K. Schlett, meine Partnerin, kennt zwar nicht die Spoiler für Die Mutter der Masken, ist aber eine riesige Hilfe, wenn es ums Reden über den Schreibprozess selbst geht. Und bei Feedback zur einzelnen Elementen der Reihe priorisierte ich Own Voices: Feedback zur Mutter-Tochter-Beziehung? Ich schaue, wie Mütter und Töchter reagieren. Zur Darstellung von Leros Identität als trans Mann? Was sagen trans Männer in meinem Umfeld? Zu Milans physischen Behinderungen? Was wünschen sich Menschen mit den gleichen Behinderungen von Buchfiguren?

Literatopia: Wie bist Du überhaupt zum Schreiben gekommen? Ist „Die Mutter der Masken“ Deine erste selbst verfasste Story oder ist davor schon viel in der (virtuellen) Schublade verschwunden?

Freya Petersen: Das Schreiben war schon immer da, beziehungsweise, das Geschichten Erzählen und Ausdenken. Die Mutter der Masken ist auf alle Fälle nicht meine erste Story – nicht mal meine erste Reihe –, aber das erste Buch, an dem ich Überarbeiten lieben gelernt habe. Wirkliche Schubladenprojekte habe ich tatsächlich nicht, meistens lösen sie sich nach einer Weile in ihre einzelnen Elemente auf, welche sich wiederum auf neue/andere Projekte verteilen.

Literatopia: Du forschst auch zu Worldbuilding in der Fantasy und Science Fiction. Was zeichnet aus Deiner Sicht ein wirklich gelungenes Worldbuilding aus?

Freya Petersen: Das primäre Merkmal, das ich für mich als klares Zeichen für gelungenes Worldbuilding benennen würde, ist Intentionalität. Form und Umfang eines Aspektes in einer fiktionalen Welt kann massiv variieren, mir ist nur wichtig, dass dieser Aspekt absichtlich da ist und eine (thematische, ästhetische, tonale) Funktion erfüllt. Und nicht, weil Autor*innen einfach unhinterfragt Selbstverständlichkeiten aus ihrer Sozialisierung übernehmen, oder aus Werken anderer Autor*innen, ohne zu wissen, welche Bezüge diese wiederum zu unserer echten Welt haben.

Literatopia: Worauf muss man beim Worldbuilding achten, wenn man, wie bei „Die Mutter der Masken“, Fantasy und Science Fiction mischt?

Freya Petersen: Fantasy und Science Fiction unterscheiden sich meiner Meinung nach so wenig voneinander, ich würde fast nicht mal von einer Vermischung reden. Es sind einfach zwei leicht abweichende Farben der Phantastik-Palette. Drauf achten muss man eigentlich nur, dass Buchhandlungen nicht wissen werden, in welches Regal sie dein Buch stellen sollen.

Literatopia: Verrätst Du uns abschließend, ob und wann es einen dritten Band von „Die Mutter der Masken“ geben wird? Oder arbeitest Du bereits an etwas Anderem?

Freya Petersen: Geben wird es einen 3. Band von Die Mutter der Masken auf alle Fälle, ebenso wie einen finalen 4., und ich freue mich schon seit circa 2019 darauf, einen ganz bestimmten Reveal zu schreiben. Allerdings hat mich das Veröffentlichen von Band 2, zusammen mit meiner Masterarbeit und dem Jonglieren mehrerer Jobs, sehr ausgelaugt. Für den Rest von 2026 erlaube ich mir eine kleine Pause von Erzweiden, sortiere mein Leben und spiele an Leseproben für andere Projekte herum: Ein Horror-Roman über die Schulzeit aus autistischer Perspektive, mit einer lügenden Protagonistin, dämonischen Deckenlampen und einer Freundinnenschaft, die repariert werden muss. Und eine Science-Fiction-Dystopie über drei Cyborgs, die sich die Miete für ihre Körper nicht mehr leisten können und eventuell anfangen, Vermieter abzuschlachten.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorinnenfoto: Copyright by Freya Petersen


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.