Kassandra Schwämmle (28.10.2026)

Interview mit Kassandra Schwämmle

Porträt von Kassandra Schwämmle mit Menschen im Hintergrund, die das Peace-Zeichen zeigtLiteratopia: Hallo, Kassandra! Kürzlich ist bei Amrûn Dein von antiken Sagen inspirierter Fantasyroman „Antiope – Die Unbeugsame“ erschienen. Was erwartet uns in Deiner Version des alten Griechenlands?

Kassandra Schwämmle: Hallo Judith, in meiner Version des antiken Griechenlandes kommen vor allem die weiblichen Figuren zu Wort. Der Fokus von alten Sagen und Legenden liegt oft auf den Helden und deren Taten, aber viel zu wenig darauf, in welcher Gesellschaft sie sich bewegen und wie sich ihre „Heldentaten" auf andere insbesondere auf Frauenfiguren auswirken.

Literatopia: Wer war Antiope in den griechischen Sagen? Und inwiefern unterscheidet sich Deine Antiope von ihr?

Kassandra Schwämmle: Die Amazone Antiope ist in den Sagen die Schwester von Hippolyte, Melanippe und Penthesilea und wahlweise, je nach Version der Sage auch die Königin der Amazonen. Sie ist eine gefürchtete Kriegerin, bis sie von Theseus entführt wird. In dessen Heimat heiratet sie ihn und bekommt Kinder mit ihm.

Schon als ich diese Sage das erste Mal gelesen hatte, fragte ich mich damals, würde eine kriegerische Amazone sich widerstandslos entführen lassen und dann auch noch mit ihrem Entführer Kinder bekommen, so als ob nichts gewesen wäre? So entstand meine Version von Antiope, die rebellisch und selbstbewusst auftritt, aber auch als rechte Hand ihrer Schwester Königin Hippolyte ein gewisses Maß an politischem Verständnis und Feingefühl hat. Sie lässt sich nichts gefallen und lässt sich auch von ihren Entführern nicht einschüchtern. Ihr Ziel ist es, wieder in ihre Heimat zurückzugelangen und die Stadt, in die sie verschleppt wurde, hinter sich zu lassen.

Literatopia: Im Klappentext zu „Antiope“ heißt es: „Keine Frau ist Beute“ und doch wird Antiope genau das. Wie leistet sie Widerstand? Und was riskiert sie dabei?

Kassandra Schwämmle: Meine Protagonistin hat einen starken Beschützerinstinkt und lässt sich an Stelle ihrer kleinen Schwester Melanippe von den Griechen mitnehmen. Ihr ist von Anfang an klar, dass sie eine politische Gefangene ist, und sie lebend mehr Wert ist als tot. Dementsprechend lässt sie sich von Theseus, seinen Beratern und auch seinem Sohn nicht einschüchtern und versucht, mal mehr mal weniger subtil einen Weg in ihre Heimat zurückzufinden. Dabei übertritt sie regelmäßig die Grenzen, was sich in Athen für eine „gute und brave" Frau geziemt.

Doch sie weiß auch, dass sie auf der Hut sein muss, da gerade unter den Beratern des Königs durchaus auch Männer lauern, die sie tot sehen wollen. Als sich dann die Freundschaft mit der kretischen Prinzessin Phaidra vertieft, muss Antiope nicht nur auf ihre eigene Sicherheit achten, sondern auch ihre Freundin beschützen.

Literatopia: Antiope greift ein, als Prinzessin Phaidra bedrängt wird, und bringt der jungen Frau das Kämpfen bei. Sie werden Freundinnen – und mehr. Was fasziniert Antiope an Phaidra?

Kassandra Schwämmle: Antiope findet in Phaidra eine Seelenverwandte, eine Frau, die wie sie auch aus ihrer Heimat entrissen wurde. Doch während Antiope noch die Hoffnung hat, rasch wieder in ihre Heimat zurückzukehren und ihre Schwestern wieder in die Arme schließen zu können, hat Phaidra diese Hoffnung schon fast aufgegeben. Als die junge Kreterin dann auch noch vom Sohn des Königs angegangen wird, kickt Antiopes Beschützerinstinkt und sie sieht die Möglichkeit, ihr Wissen als Kriegerin weiterzugeben. Antiope ist begeistert, als dann Phaidra ihren Kampfgeist entdeckt. Und so werden die Frauen nicht nur zu Verbündeten mit einem gemeinsamen Ziel, nämlich ihren Unterdrückern zu entkommen, sondern sie entdecken auch Gefühle füreinander.

Literatopia: Haben Antiope und Phaidra weitere Unterstützer*innen? Und wer macht ihnen das Leben schwer?

Kassandra Schwämmle: Da die beiden Frauen im Geheimen an ihren Plänen arbeiten, gibt es kaum offensichtliche Unterstützer. Doch es gibt natürlich auch Figuren, die den beiden freundlich gesinnt sind und sogar, als es dann darauf ankommt, unterstützend beistehen, wie beispielsweise der Kentaur Chiron, doch er ist natürlich nicht der einzige.

Antiope ist eine sehr an die Freiheit und Eigenständigkeit gewöhnte Figur, die gerade im patriarchalen Athen immer wieder aneckt. Viele der Berater von Theseus und auch der König selbst versuchen sie deshalb immer wieder einzuengen und an den Platz zu stellen, an den ihrer Meinung nach eine Frau gehört. Aber auch die Amme von Phaidra, Artakia macht vor allem Phaidra das Leben schwer.

Literatopia: Welche phantastischen Elemente gibt es in „Antiope“?

Kassandra Schwämmle: Im Laufe des Buches treffen wir legendäre Sagenhelden wie Theseus, Peirithoos und auch Herakles. Doch eine meiner liebsten Figuren ist Chiron, der weise Kentaur und Lehrmeister so vieler Helden. Er ist eine sanfte Figur, die mit Weitsicht agiert und einen großen Wissensschatz mit sich bringt und ein herrlicher Kontrast zu den manchmal etwas rüpelhaften Helden ist. Natürlich durfte ein Nymphenhain in meiner Geschichte nicht fehlen, und auch eine der Erinnyen sowie Poseidon wirken in der Handlung mit, aber wie und wo, das bleibt dem Lesenden überlassen, herauszufinden. ;o)

Literatopia: Griechische Sagen und Mythen wurden in der Literaturgeschichte immer wieder aufgegriffen und sind auch in der heutigen Fantasy äußerst beliebte Motive. Worin liegt Deiner Meinung nach der Reiz dieser doch ziemlich misogynen Mythologie?

Kassandra Schwämmle: Warum faszinieren uns noch bis heute Märchen? Der Mensch liebt das Phantastische und Wunderbare, um die Welt aus anderer Perspektive betrachten zu können oder auch nur für eine Weile darin abzutauchen. So ist es auch mit mythologischen Stoffen.

Da über Jahrhunderte diese Sagen nur von Männern übersetzt wurden, ist unser Blick heute auf diese Stoffe sehr heteronormativ und patriarchal geprägt. Das ändert sich (glücklicherweise) allmählich, beispielsweise mit den (ersten!) Übersetzungen der Ilias und der Odyssee durch eine Frau nämlich der Altphilologin Emily Wilson. Es gibt also, meiner Meinung nach, noch sehr viele Geschichten, die abseits des Heteronormativen erzählt werden können, und dann die Sagen in einem nochmal anderen Licht erscheinen lassen können.

Literatopia: Du hast bereits in mehreren Anthologien Kurzgeschichten veröffentlicht. Was macht für Dich eine wirklich gelungene Kurzgeschichte aus? Und fällt es Dir schwer, Dich kurz zu fassen?

Kassandra Schwämmle: Oh, das ist schwierig pauschal zu sagen. Allgemein würde ich sagen, eine Kurzgeschichte hallt bei mir noch lange nach, wenn sie eine unerwartete Wendung hatte, die die gesamte Handlung davor in einem völlig neuen Licht dastehen lässt. Aber manch eine Kurzgeschichte ist auch grandios, weil sie eine interessante Idee oder ein Konzept ergründet oder eine sehr eigene, spannende Stimmung oder eigenwilliges Setting hat.

Im Normalfall komme ich mit den Beschränkungen, die das Genre mit sich bringt gut zurecht, aber manchmal… ja manchmal gehen auch mit mir die Nachtmahre durch und ich muss dann kürzen, und nochmal kürzen. Es ist stark vom Thema abhängig.

Literatopia: Du hast bereits in Deiner Kindheit das Schreiben für Dich entdeckt. Wovon handelten denn Deine ersten Geschichten? Und gibt es sie noch?

Kassandra Schwämmle: Ich war immer eine begeisterte Leserin und habe während der Schulzeit angefangen, kleine Aufsätze zu schreiben, die vielleicht noch in irgendeinem Heft auf dem Dachboden meiner Eltern liegen. Auch einige Kurzgeschichten zu Illustrationen, die ich irgendwo fand, gibt es noch in meinem digitalen Archiv. Doch schon bald entstand die Idee, ein Buch zu schreiben. Ich las damals Dan Brown und Raymond Khoury sowie diverses an High Fantasy und seit meiner Kindheit auch vieles an Mythologischem. So entstand die Idee, einen Roman mit einem „modernen" (in der heutigen Zeit spielend) und einem „alten" (in einer mythischen, sagenhaften Zeit spielend) Erzählstrang zu schreiben. Über die Jahre, in denen das Projekt brachlag, änderte sich mein Leseverhalten etwas, meine Sicht auf die Welt und so beschloss ich irgendwann, den modernen Erzählstrang zu streichen.

Zumindest die Notizen zu dem modernen Erzählstrang existieren noch.

Kassandra Schwämmle beim Bücher singierenLiteratopia: Wann war für Dich klar, dass Du Deine Geschichten veröffentlichen willst? Und wer hat Dir dabei geholfen, diesen Traum zu verwirklichen?

Kassandra Schwämmle: Ich schrieb und schreibe bis heute, weil ich Freude daran habe Welten zu erschaffen und Figuren auf Reisen zu schicken. Eine Veröffentlichung war lange etwas, über das ich nicht wirklich nachgedacht hatte. Was als Jugendliche als fixe Idee anfing, habe ich über die letzten Jahre viel verändert und umgeschrieben. Auch weil ich gegen Ende meines (naturwissenschaftlichen) Studiums mehrere Schreibseminare von Sonja Rüther besuchte und anfing, mich tiefergehend auch mit Dramaturgie und Aufbau von Geschichten auseinanderzusetzen. Auch fragte sie mich, ob ich ihr Testleser werden möchte und so konnte ich auch da Erfahrungen mit Textarbeit sammeln.

Über die Jahre kam ich über Messebesuche mit immer mehr Menschen aus der (Phantastik-) Buchbubble in Kontakt, wovon einige inzwischen zu guten Freunden geworden sind, und so wurde ich gefragt, ob ich für eine Anthologie eine Kurzgeschichte schreiben wollte. Mein Romanprojekt war da noch eine einzige große Baustelle und eine Veröffentlichung nicht absehbar. Mit der Kurzgeschichte rückte aber eine Veröffentlichung in greifbare Nähe und so begann ich dann langsam auch für mein Romanprojekt mehr in Richtung Veröffentlichung zu denken. Aber bis es dann soweit war, sollte es noch etwas dauern.

Literatopia: Viele träumen davon, Autor*in zu werden, doch auf den Traum folgt oftmals die Ernüchterung, dass die meisten Autor*innen in Deutschland nicht vom Schreiben leben können. Wie hast Du Dir den Buchmarkt vorgestellt bevor Du Teil davon wurdest?

Kassandra Schwämmle: Ich bin eher nach und nach in die Buchbubble hineingekommen und habe so viele Kreative kennengelernt, die allein vom Schreiben, Bücher verlegen, Textarbeit oder Coverdesign nicht leben können. Deshalb war es mir recht schnell klar, dass ich meinen Brotjob auch weiterverfolgen werde, auch weil ich von dort so manch spannende Impulse ins Schreiben mitnehmen kann. Früher, als reine Leserin, habe ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, was und wer alles an einem Buch dranhängt, bis man es in den Händen halten kann. Und nun ein Blick hinter die Kulissen zu haben und auch ein Teil davon zu sein, ist immer noch ein schönes Gefühl.

Literatopia: Auf dem diesjährigen BuchmesseCon in Dreieich hattest Du ein Panel zu Queerer Phantastik. Was hast Du daraus für Dich und Dein Schreiben mitgenommen? Und wie hat Dir der BuCon insgesamt gefallen?

Kassandra Schwämmle: Der BuCon ist jedes Jahr ein wunderbares Event, fast schon wie ein Familientreffen der Phantastik-Bubble, von dem ich jedes Jahr müde aber mit viel kreativer Energie wieder nach Hause fahre. Und gerade auf diesem Event dann meinen ersten Roman vorstellen zu dürfen, fühlte sich unbeschreiblich gut an, auch wenn ich im Vorfeld sehr nervös war. Dadurch, dass ich Jol vertreten habe, da they krankheitsbedingt den neuen Roman nicht vorstellen konnte, war ein bisschen Improvisation gefragt. Mit der Einbindung des Publikums hat es dann gut geklappt und ich fand es als Autorin spannend, wie viel Interesse auch zu den Hintergründen bestand. So macht es mir umso mehr Spaß mich auch jetzt wieder intensiv mit Mythologie und archäologischen Themen auseinanderzusetzen.

Literatopia: Nach dem Buch ist vor dem Buch. Arbeitest Du bereits an einem neuen Roman? Und kannst Du uns schon etwas darüber verraten?

Kassandra Schwämmle: Obwohl ich ursprünglich „Antiope, die Unbeugsame" als Einzelband geplant hatte, blitzten nach dem Beenden des Romans Ideen auf, wie es weitergehen könnte. Gerade habe ich mich wieder voll in die Recherche geworfen und entwickle den Plot parallel. Ich kann vielleicht so viel verraten, dass mich gerade Themen wie Dionysos, Naxos und die Provinzen Lydia und Troia beschäftigen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Kassandra Schwämmle: Ich danke auch für die Möglichkeit, einen Einblick in mein Schaffen zu geben!


Autorinnenfotos: Coypright by Kassandra Schwämmle


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.