Interview mit Thomas Vaucher
Literatopia: Hallo, Thomas! Anfang November erscheint Dein Fantasyroman „Die Krähenmutter“ im Riverfield Verlag, eine neue Geschichte aus der Welt Deiner Trilogie „Das Lied der Macht“. Was erwartet uns in Ehrland? Und eignet sich der Roman auch als Einstieg in Deine Fantasywelt?
Thomas Vaucher: Absolut. Da der Roman eine völlig eigenständige Geschichte erzählt, eignet er sich gut als Einstieg – auch ohne Vorkenntnisse der vorangegangenen Trilogie.
Die Krähenmutter ist im Kern eine Reise in die tiefsten Abgründe des Menschseins, bei der Themen wie Machtgier, Verrat und Rache im Zentrum stehen. Die Protagonistin Calin erlebt einen kometenhaften Aufstieg, gefolgt von einem tiefen Fall. Am Ende sieht sie sich mit der ultimativen Frage konfrontiert: Wie viel von ihrer eigenen Menschlichkeit ist sie bereit, für die Rache an ihren Peinigern zu opfern?
Literatopia: Würdest Du uns Heerführerin Calin näher vorstellen? Was ist sie für ein Mensch? Was führte sie ins Militär? Und wie findet sie ihren Weg zwischen Intrigen und Verrat?
Thomas Vaucher: Das Fundament für Calins militärische Karriere wurde in ihrer Kindheit gelegt. Als Tochter eines Soldaten wollte sie unbedingt an der Kampfausbildung ihrer Brüder teilnehmen. Was als belächeltes Vorhaben begann, wurde schnell ernst, als sie ihre Brüder im Waffengang übertraf und ihr Vater ihr Potenzial erkannte. Mit 18 Jahren folgte der folgerichtige Schritt in die Armee, wo sie rasch zur Hauptfrau aufstieg. Ihr strategisches Genie bewies sie in der Schlacht bei Ahresmond, als ihre Einheit den feindlichen Feldherrn gefangennehmen konnte – ein Erfolg, der sie schliesslich zur Heerführerin machte.
Bei Hofe kreuzte sich ihr Weg mit dem von Prinz Dendrinur. Zwischen der Soldatin und dem Thronfolger entflammte eine Liebe, die sie wegen Calins fehlender Adelszugehörigkeit im Verborgenen halten müssen. Ihr Weg durch die Intrigen des Hofes ist eng an ihr nächstes Ziel geknüpft: Sollte sie zur Fürst-Kommandantin aufsteigen, würde sie in den Adelsstand erhoben – und damit wäre der Weg frei für eine gemeinsame, öffentliche Zukunft mit dem Prinzen.
Literatopia: Wer steht Calin zur Seite? Und wer sind ihre Gegenspieler?
Thomas Vaucher: Zu Beginn ihres Weges ist es vor allem ihr Geliebter, der Thronfolger Prinz Dendrinur, der fest an ihrer Seite steht. Im weiteren Verlauf der Geschichte findet sie jedoch weitere Verbündete: den geheimnisvollen Bestienmeister Ehrnam und seinen treuen Begleiter Daghir – ein marderartiges Wesen mit markantem grünem Fell, ein sogenannter Gasky. Unterstützung erhält sie ausserdem von Adum, dem Vollstrecker, und Lerus, einem jungen Soldaten.
Ihre Gegenspieler hingegen agieren lange Zeit im Verborgenen. Sie sind Schatten in der Finsternis …
Literatopia: Die Krähenmutter ist „eine mythische Gestalt zwischen Leben und Tod, deren Worte über das Schicksal der Menschen entscheiden können“. Warum ruft sie ausgerechnet Calin? Und welche weiteren mythischen Wesen gibt es in Deiner Welt?
Thomas Vaucher: Die Krähenmutter ist eine Grehnà, eine Art «Untergöttin» des Schöpfergottes, des Vereiners. Um unter den Sterblichen wandeln zu können, fordert sie alljährlich ein Opfer. Niemand weiss, was mit den jungen Frauen geschieht, die ihr dargebracht werden, doch die Krähenmutter passt ihre Gestalt mit der Zeit ihren Opfern an. Wie Calin schliesslich zu ihr gelangt, sei an dieser Stelle aber nicht verraten.
Ein weiteres zentrales Element sind die Menschen, die das «Lied der Macht» beherrschen. Sie können die Kraftstränge der Natur formen und zu ihrem Vorteil nutzen. Manche nennen sie Sänger, andere Spieler oder Wirker. Man kann sich das im Grunde wie das Wirken von Magie vorstellen, auch wenn dieses Wort in meinen Romanen nicht vorkommt.
Eine ebenso wichtige Rolle spielen die Vahnrisen – die Schergen des Entzweiers, dem göttlichen Gegenspieler. Während einige von ihnen versuchen, die Menschheit auf den Pfad der Dunkelheit zu locken, strafen andere die Sterblichen für ihre Treue zum Vereiner und richten Unheil und Chaos an. Sie sind unberechenbar und treten in völlig unterschiedlicher Gestalt auf: mal in betörend schöner Menschenform, mal als monströse, unmenschliche Kreaturen.
Literatopia: Erzähl uns mehr über Deine Fantasywelt. Wie leben die Menschen dort? Wie sehen die Machtverhältnisse aus? Und gibt es Teile der Welt, die den Leser*innen noch unbekannt sind?
Thomas Vaucher: Der Hauptkontinent, sowie die große Insel, auf der Ehrland liegt (Schauplatz der „Krähenmutter“), wird die „Bekannten Lande“ genannt, was bereits andeutet, dass jenseits der Ozeane unbekanntes Territorium liegt. Zu Beginn der Trilogie kommen Schiffe von dort ins Darische Kaiserreich. Schiffe, die zunächst von Handel sprechen und später mit einer Armada von Kriegsschiffen zurückkehren, um die Bekannten Lande anzugreifen. Im Westen des Großen Ozeans liegen somit die Inseln der Narsing, jener fremden Invasoren. Auf dem Hauptkontinent liegt das Darische Kaiserreich – ein politischer Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern, Grafschaften, Sakralen und weiteren verschiedenen Herrschaftsformen (Schauplatz der Trilogie). Nordöstlich des Kaiserreichs liegen die Königreiche Nordheim, Korien und Diljaron (Schauplatz des Einzelromans „Im Schatten des Tempels“) und viele weitere Reiche. Darüber hinaus gibt es noch unzählige weitere Reiche, und sowohl der ferne Osten als auch der tiefe Süden und Norden sind für die Leserinnen und Leser derzeit noch ein gänzlich unbeschriebenes Blatt.
Das Königreich Ehrland, in dem der vorliegende Roman spielt, wird klassisch von einem Monarchenpaar regiert. Jedoch wird dieses stark von der Krähenmutter beeinflusst, die als weise Ratgeberin mit eigenen Zielen und Ambitionen im Hintergrund die Fäden lenkt.
Literatopia: Du hast auch schon einige Sachbücher verfasst, unter anderem zu den Burgunderkriegen. Sind die Recherchen dazu auch in die Gestaltung Deiner Fantasywelt eingeflossen?
Thomas Vaucher: Auf jeden Fall. Die realen Machtstrukturen des Mittelalters – das Geflecht aus Kaiser- und Königreichen, Herzogtümern, Grafschaften und Bistümern – haben mich schon immer fasziniert. Das Vereinigte Darische Kaiserreich ist deshalb stark an das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und dessen politischen «Flickenteppich» angelehnt. Dank meiner historischen Recherchen konnte ich die politischen Strukturen, das höfische Ränkespiel und die unzähligen Intrigen viel authentischer und glaubwürdiger ausarbeiten.
In der Fantasy hat man als Schöpfer zwar theoretisch völlig freie Hand, aber ich bin überzeugt: Eine erfundene Welt zieht uns erst dann richtig in ihren Bann, wenn ihr eine greifbare, logische und nachvollziehbare Struktur zugrunde liegt.
Literatopia: Du bist Autor und zugleich Musiker, Schauspieler und Lehrer. Inwiefern beeinflussen Deine anderen kreativen Tätigkeiten Dein Schreiben? Ziehst Du beispielsweise Inspiration aus Musik?
Thomas Vaucher: Die Musik ist tatsächlich eine große Inspirationsquelle. Wie prägend sie für mich ist, zeigt sich am besten an der Grundidee für das „Lied der Macht“. Der Funke sprang während eines Konzerts der Band Avantasia über, als ich den Rocksänger Bob Catley auf der Bühne beobachtete. Seine ausdrucksstarke Mimik und die faszinierenden Gesten seiner Hände beim Singen haben mich völlig in den Bann gezogen. Wenn man den Blick von seinem Mund abwendet und nur die Bewegungen seiner Hände verfolgt, entsteht die Illusion, die Musik würde direkt aus seinen Fingerspitzen fließen und nicht aus seiner Kehle. In diesem Moment fragte ich mich: Was, wenn Menschen durch reine Bewegung Musik erzeugen könnten? Das war die Geburtsstunde für das Magiesystem meiner Fantasy-Welt – und das Lied der Macht war geboren.
Literatopia: Du hast bereits als Kind Fantasy-Kurzromane verfasst. Wovon handelten Deine ersten Geschichten? Und wann war für Dich klar, dass Du nicht nur schreiben, sondern auch veröffentlichen willst?
Thomas Vaucher: Meine allererste Geschichte, die ich irgendwann während meiner Grundschulzeit verfasste, war ein Krimi. Auf Bockpapier geschrieben, zusammengetackert und mit einem selbstgebastelten Preisschild versehen. Zum Glück hat ihn damals niemand gekauft – so schlummert mein „erstes Buch“ heute noch als schönes Andenken in meinem Bücherregal.
Als Teenager begann ich dann davon zu träumen, Romane zu veröffentlichen, und schrieb zwei oder drei Fantasy-Bücher. Die waren damals noch recht kurz – jeweils etwa fünfzig A4-Seiten. Ich habe mich damit allerdings nie bei Verlagen beworben. Mit 24 Jahren packte mich das Ganze dann richtig und ich begann meinen ersten richtigen Roman zu schreiben: ein historisches Werk über die Burgunderkriege mit dem Titel „Der Löwe von Burgund“. Dass dieses Buch schließlich 2010 im Stämpfli Verlag erschien, war der eigentliche Startschuss für meinen Weg als Autor.
Literatopia: Was fasziniert Dich insbesondere an Fantasy bzw. Phantastik?
Thomas Vaucher: Mich fasziniert vor allem, dass man als Fantasy-Autor im eigentlichen Sinne Gott spielen darf. Man genießt die absolute Freiheit, eine Realität nach ganz eigenen Regeln zu formen, phantastische Kreaturen zum Leben zu erwecken und der Fantasie völlig freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig reizt mich die Herausforderung, dieser erfundenen Welt trotz aller Phantastik eine innere Logik zu verleihen, die für den Leser nachvollziehbar und stimmig sein muss, damit die Welt überhaupt erst echt wirkt.
Literatopia: Du bist auch aktiver Rollenspieler. Hilft Dir das, die Figuren für Deine Romane zu entwerfen? Und verändern sich Deine Figuren von der ersten Fassung bis zur finalen?
Thomas Vaucher: Auch wenn mir heute leider oft die Zeit für ausgiebige Runden fehlt: Das Rollenspiel war eine fantastische Schule, um Charakteren echte Tiefe zu verleihen. Die Parallelen sind verblüffend. Am Spieltisch wie am Schreibtisch erschafft man eine Figur von Grund auf: Sie bekommt nicht nur ein Aussehen, sondern eine Biografie, politische, religiöse und moralische Werte. Man definiert ihre Talente, kratzt an ihren Schwächen und ergründet ihre Phobien. Genau das ist auch das Fundament für gut entwickelte Charaktere in einem Buch.
In vielen guten Geschichten machen Figuren während der Handlung eines Buches auch eine innere Wandlung durch, so kommt es häufig vor, dass sich auch meine Charaktere im Fortlauf einer Geschichte verändern. Doch es kann auch vorkommen, dass sich Figuren während eines Buches in eine andere Richtung entwickeln, als ich es zuvor vorgesehen hatte – und das ist das Spannende daran: Manche Charaktere entwickeln ihren Werdegang beinahe von selbst und widersetzen sich so den Ideen ihres Schöpfers.
Literatopia: Wenn Du das erste Kapitel eines neuen Romans schreibst, hast Du die Handlung dann schon mehr oder weniger durchgeplottet? Oder schreibst Du erst einmal darauf los und plottest dann parallel zum Schreiben?
Thomas Vaucher: Ehe ich mit dem Schreiben beginne, entwickle ich als Erstes die Handlung. Ich verfasse ein Exposé von drei bis fünf Seiten, in dem ich den gesamten Ablauf des Romans festhalte. An diesem Leitfaden hangle ich mich dann während des Schreibprozesses entlang. Natürlich bleibt auf dieser Reise immer Raum für Spontanität: Manchmal fordert die Dynamik einer Szene eine Kurskorrektur, oder eine frische Idee wirft einen Teilplan über den Haufen. Aber das Fundament und die wichtigsten Akteure stehen fest, noch bevor ich das erste Kapitel tippe.
Literatopia: Würdest Du uns abschließend verraten, woran Du gerade arbeitest? Wird es weitere Geschichten aus der Welt von „Das Lied der Macht“ geben?
Thomas Vaucher: Aktuell arbeite ich an meinem zweiten Jugend-Fantasy-Roman für den „da bux Verlag“. Dieser Verlag hat sich auf kompakte Bücher (60 Seiten) in einfacher Sprache für Jugendliche spezialisiert. Für mich als Fantasy-Autor, der sich sonst auf über 500 Seiten in ausufernden Welten und tiefgründigen Charakteren austobt, ist das eine ganz besondere Herausforderung: Eine fesselnde Fantasy-Geschichte mit lebendigem Weltenbau auf maximal 60 Seiten und in leicht verständlicher Sprache zu verfassen, ist anspruchsvoll – aber es macht großen Spaß!
Parallel dazu schreibe ich gerade an einem Theaterstück für ein Freilichttheater, das im nächsten Sommer in Schwarzenburg (CH) uraufgeführt wird.
Was danach kommt, halte ich mir noch offen. Ein weiterer Roman in der Welt von Das Lied der Macht ist definitiv denkbar, aber spruchreif ist noch nichts.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Thomas Vaucher: Besten Dank für die wunderbare Gelegenheit, mich und meine Fantasy-Welt hier vorstellen zu dürfen! Ein riesiges Dankeschön geht an alle, die mich auf diesem Weg unterstützen – und natürlich wünsche ich all meinen treuen Leserinnen und Lesern sowie allen, die es noch werden wollen, fantastische Lesestunden mit meinen Büchern!
Autorenfoto: Copyright by Thomas Vaucher
Autoren-Website: http://www.thomasvaucher.ch
Rezension zu "Der Löwe von Burgund"
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.