Blutsauger (André Breinbauer)

blutsauger

Verlag: Carlsen; (März 2026)
Gebundene Ausgabe: 248 Seiten; 28 €
ISBN-13: 978-3-551-80898-1

Genre: Drama/ Horror


Klappentext

Wien: Ein unheimlicher Nachbar macht Hannah zu schaffen. Wer ist dieser Kerl, der wie ein Oldschool-Vampir aussieht? Dazu gesellen sich verschwundene Mieter und eine Altbauwohnung, um die sich halbseidene Gestalten reißen. „Blutsauger“ verbindet Krimi, Horror und Gesellschaftskritik mit einer Hommage an „Dracula“ und „Nosferatu“. André Breinbauer inszeniert eine moderne Vampirgeschichte in einer Stadt, die schon immer ihre eigenen Blutsauger kannte, und vereint Wiener Charme mit düsterer Spannung. Ein Highlight für Fans von Mystery und schwarzem Humor.


Rezension

Hannah lebt noch nicht lange in ihrer Altbauwohnung in Wien. Diese hat sie von ihrer Großmutter übernommen und profitiert damit von einem alten Mietvertrag, der dafür sorgt, dass die Miete nicht hoch ausfällt. Der Ärger für sie beginnt, als ihr abends auf dem Heimweg eine seltsame Gestalt folgt. Wie sich herausstellt, ist es ihr Nachbar Herr Fürst und der erinnert sie von Verhalten und Aussehen an einen Vampir. Fortan steigert sich Hannah in die Vorstellung, ihr Nachbar sei ein Vampir, mehr und mehr hinein. Und tatsächlich scheint sie Recht zu haben, denn als sie versucht ihn zu fotografieren, ist ihr das nicht möglich.
Aber ihr Nachbar ist nicht Hannahs einziges Problem. Das Haus, in dem sie lebt, muss eigentlich saniert werden, weswegen ihr die neue Hausverwaltung ein Angebot macht, den Mietvertrag aufzulösen. Doch Hannah will bleiben und während sie weiterhin ausharrt, sterben ihre Nachbarn oder nehmen das Angebot der Hausverwaltung an. Nur Fürst bleibt neben ihr wohnen. Dabei verschlechtert sich die Wohnsituation immer weiter, denn der Strom fällt immer wieder aus, das Dach ist undicht und schließlich gibt es noch einen Wasserrohrbruch im Keller. Ausgerechnet an dem Abend, an dem Hannah beschließt in den Keller zu gehen, um zu überprüfen, ob Fürst dort seine Schlafstatt hat. Und dort unten erwartet sie wahrlich das Grauen.

Mit Medusa und Perseus untersuchte André Breinbauer bereits die Frage, wer Held ist und wer Monster. Dabei schoss er hin und wieder in seiner Darstellung der Figuren etwas über das Ziel hinaus und schwächte so seine eigene Aussage ab. Mit Blutsauger kehrt er zum Teil zu dieser Fragestellung zurück und will gleichzeitig Gesellschaftskritik bei einem wichtigen und hochaktuellem Thema üben. Aber gelingt das auch?
Bedingt, denn André Breinbauer vermag keinen richtigen Fokus zu setzen oder durchgängig Spannung und Horror zu erzeugen. Eigentlich ist die Idee die Themen Vampirismus und Miethaie miteinander zu verbinden eine richtig gute, denn Blutsauger sind sowohl Vampire als eben auch Immobilienfirmen, die rücksichtslos Mieter aus Häusern vertreiben. Die Verknüpfung der Themen ist also durchaus sinnvoll, vor allem, wenn man der Frage nachgehen will, wer hier das eigentliche Monster ist. Und die Antwort ist im Prinzip auch offensichtlich und erwartbar. Da gibt es nichts fehl zu interpretieren und es wird im Nachwort auch klar benannt und auf einen Missstand hingewiesen, der schnellstmöglich behoben gehört, aber vermutlich nicht wird.
Der Ansatz ist also gut, nur macht André Breinbauer vergleichsweise wenig daraus. Sein Comic verläuft von der ersten Seite an im erwartbarem Rahmen, die Spannung ist fast gleich Null. Überraschungen gibt es keine, dafür sind die Charaktere viel zu eindeutig gezeichnet und es gibt kaum Spielraum für sie aus ihren festgelegten Rollen auszubrechen. So liest man Blutsauger und nickt nur an den entsprechenden Stellen, statt überrascht zu sein. Die Krimihandlung funktioniert einfach nicht und wirkt irgendwie aufgesetzt.
Was hingegen funktioniert, ist die Darstellung von Hannahs wachsender Angst und Paranoia. Hierauf hätte André Breinbauer viel mehr eingehen müssen und vor allem nicht immer wieder diesen Teil ausbremsen sollen, indem er zum schwachen Krimiplot zurückkehrt, der Atmosphäre und Horror komplett zum Stillstand bringt. Denn Atmosphäre schaffen kann André Breinbauer, gerade das Flair Wiens kommt sehr gut herüber und die Bedrohlichkeit des Fürsten ist wunderbar inszeniert und lebt zum großen Teil von seiner Abwesenheit und der geheimnisvollen Aura, die ihn umgibt. Und so schwankt man als Leser immer hin und her, zwischen einem atmosphärisch gut erzählten Teil und einer schwachen Krimihandlung, die mit etwas Gesellschaftskritik verbunden und die für den eigenen Anspruch zu wenig ist.
Eine kleine Entschädigung für die Schwächen in der Erzählung sind die Hommagen an Nosferatu und Dracula, wobei die vermeidlichen Auszüge aus Dracula, eine Nacherzählung André Breinbauers sind, deren Datierung nicht aufgeht, was einfach ärgerlich ist. Sollte das absichtlich sein, um auf die Unzuverlässigkeit des Erzählers hinzuweisen, müsste das viel deutlicher gemacht werden. Der auf dem Buchrücken angekündigte schwarze Humor ist vorhanden, jedoch nur in kleinen Dosen, da wäre mehr möglich gewesen, gerade in einer Stadt wie Wien, die für ihren Wiener Schmäh bekannt ist.

André Breinbauers Stil ist Geschmackssache, man muss ihn nicht mögen, aber unbestritten ist, dass er sich darauf versteht, Atmosphäre zu schaffen und kreativ das Medium Comic einzusetzen und so immer wieder interessante Sequenzen zu gestalten. Gerade solche Dinge wie Hannahs Traum sind visuell großartig und wenn Fürst auftaucht wird es atmosphärisch dicht und die Zeichnungen erinnern in ihrer Wirkung stark an Nosferatu von Murnau, bei dem er sich auch das Aussehen seines Vampirs ausgeliehen hat. Generell ist diese Verbindung zu dem Klassiker und der ersten Verfilmung Draculas überaus gelungen und sinnvoll eingesetzt. Allerdings muss auch gesagt werden, dass André Breinbauers Stil in seiner Einfachheit und Grobheit die Geschichte immer mal wieder torpediert und den Leser herausreißt, da die Zeichnungen zu einfach sind und das an gewissen Stellen einfach nicht passt.


Fazit

Blutsauger hat eine gute Grundidee und ein gutes Konzept. Nur bekommt André Breinbauer das nicht ganz zusammen und sein Comic wird auch dadurch etwas zu offensichtlich und erwartbar. Etwas mehr Mut und bessere Ausarbeitung hätten hier noch viel mehr herausholen können. Graphisch ist Blutsauger eigenwillig und während einzelne Sequenzen großartig sind, werden andere durch den recht groben Stil torpediert.


Pro & Contra

+ eigentlich wichtiges Thema und Fragestellung

0 vorhersehbare Handlung
0 Thema und Anliegen nicht ausreichend mit der Geschichte verknüpft
0 traut dem Leser nicht viel zu

Bewertung: sterne3.5

Handlung: 3/5
Charaktere: 3,5/5
Zeichnungen: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/ Leistung: 4/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von André Breinbauer:

Rezension zu Medusa und Perseus