Der Spalt (Anke Feuchtenberger)

feuchtenberger spalt

Reprodukt, Januar 2026
Gebunden, 112 Seiten + 16 Seiten Beilage
€ 29,00
ISBN 978-3-95640-497-9

Genre: Graphic Novel, biografischer Essay


Verlagsbeschreibung

Nabel, Spalt und ein singender Maulwurf... Begleitet von ihrer Hündin zeichnet sich die Feuchtenbergerowa durch nur scheinbar unzusammenhängende Orte. "Der Spalt" enthält fünf grafische Essays, angeregt vom Streunen durch Rom, Paris, Wien und in der pommeranischen Gegend. Anke Feuchtenberger, herausragende Vertreterin der deutschen Comicszene, deren Werk zuletzt mit Ausstellungen in Hamburg, Paris, Schwerin und Brüssel gewürdigt wurde, legt mit "Der Spalt" eine Sammlung von Comics vor, die zuvor in verschiedenen Sprachen und Publikationen erschienen sind. Ergänzt wird das großformatige Buch um eine Heftbeilage mit Texten von Anke Feuchtenberger zur Kunst von Kerstin Grimm, Gosia Machon, Nicolas Mahler und Ellen Sturm.


Inhalt

  1. La Talpa Cantante, Rom 2011, S.3-29
  2. Wie der tote französische Soldat in mein Bett kam, Paris 2011, S.31-55
  3. Vogelmann, S.56-58
  4. Ich, Petra Wolf, Wien 2013, S.59-65
  5. Der Spalt, 2019, S.67-97
  6. Räume, 2020, S.99-109

Rezension

Der Spalt ist keine Graphic Novel von Anke Feuchtenberger, sondern vor allem eine Sammlung von grafischen Essays: eine hybride Form, die den klassischen Essay mit einer visuellen Erzählweise verbindet. Die farbigen und schwarzweißen Abbildungen sind integraler Bestandteil der Erzählungen, mit Ausnahme eines illustrationsfreien Textes, der eine kritische Behandlung eines Sachthemas bietet. Gegliedert ist das Werk in sechs Kapitel; hinzu kommt eine Beilage. Entstanden ist es zwischen 2011 und 2020. Der gebundene Band im Format 23 x 34 cm ist in Materialität und Verarbeitung vorzüglich, so, wie man sich vielleicht Bildbände wünscht. Außerdem lädt das Buch in seiner Aufmachung zum Verweilen ein, zum nachdenklichen Betrachten der Bilder, die sich nicht immer sofort erschließen.

Der Spalt ist eine anspruchsvolle Veröffentlichung, in der die Autorin theoretische Reflexionen, autobiografische Momente und künstlerische Positionen miteinander verbindet. Da es sich um eine Sammlung von Essays und Bildsequenzen handelt, die sich gegenseitig kommentieren und ergänzen, gibt es natürlich keine fortlaufende Handlung. Und im Gegensatz zu handlungsgetriebenem Erzählen bietet Feuchtenberger die assoziative Vermittlung von persönlichen Erfahrungen in einer Text-Bild-Kombination. Schon der Titel verweist auf das zentrale Motiv: den Spalt als Zwischenraum, als Übergang zwischen Bild und Sprache, Erinnerung und Gegenwart, Körper und Identität. Der Begriff erhält dadurch leitmotivische Bedeutung für die Texte und Bilder des Buches.

Bedeutungen entstehen oft erst in den Leerstellen zwischen den Panels oder zwischen Text und Bild. Spürbar wird dabei auch, dass Sprache und Bilder jeweils an Grenzen stoßen und Bilder ohne Text nicht immer logische Verknüpfungen herstellen können. Die Beiträge haben unterschiedliche Themen zum Inhalt. So ist der Essay La Talpa Cantante, über Feuchtenbergers Rombesuch und Aufenthalt in der Villa Massimo, auf 27 Seiten mit 71 farbigen und schwarzweißen Bildern eine differenzierte, aufrichtig anmutende Reflexion. Die Autorin kontrastiert in Rom Menschen und Tiere, Menschen und Architektur; „Der Nabel“ durchzieht den Essay motivisch. Dieser sehr gute Beitrag steigerte mein Interesse an den folgenden Essays.

Feuchtenbergers kreative Arbeit ist wie auch ihre Bewegung und Orientierung in den jeweiligen Räumen, an den jeweiligen Orten, ein Suchprozess. Die Autorin tastet sich langsam heran an die fremden Orte und Menschen, wie auch an eine Form. Persönliche Wahrnehmungen sind, wie auch die Erinnerungen, nicht dokumentarisch, sie erscheinen fragmentarisch und symbolisch. Das ist beispielsweise ebenfalls zu sehen in Genossin Kuckuck,  Feuchtenbergers Graphic Novel über Kindheit in der DDR. In beiden Werken behandelt die Autorin auch das Verhältnis von Körper und Identität.

Die grafischen Essays (Vogelmann besteht zwar nur aus drei Seiten Text und keinen Abbildungen, ist aber typografisch gestaltet) sind nicht voneinander unabhängig, so meine Vermutung. In meiner Wahrnehmung bilden sie ein ästhetisches und motivisches Netzwerk, das durchzogen ist von Themen wie Erinnerung, Körper, Zeichnung, Sprache und Wahrnehmung. Ob sie unbedingt in der vorgegebenen Anordnung gelesen werden müssen, hat sich mir in der Kürze der Zeit nicht erschlossen. Aber der Netzwerkcharakter und die Wiederaufnahme zentraler Motive legen nahe, dass sich in der Lektüre eigene Verbindungen zwischen Texten und Bildern herstellen lassen. Der Zusammenhang der Essays liegt daher weniger in einer linearen Argumentation.

Bleibt am Ende noch die 16-seitige Beilage, die dem Band beigefügt ist. Sie ist betitelt mit „Der Fluss, der Brunnen, Saturn und wir selbst als Steine“ und, ließe sich sagen, liest sich auch so. Sie enthält Texte Feuchtenbergers zu Arbeiten der Künstler Kerstin Grimm, Gosia Machon, Nicolas Mahler und Ellen Sturm und Abbildungen dieser Künstler. Ich denke, diese Beilage erzeugt eine Verbindung zwischen Feuchtenbergers Schaffen und den behandelten Künstlern, dem Erschaffen von Kunst und dem Nachdenken über Kunst.


Fazit

Der Spalt verbindet theoretisches Denken, künstlerische Praxis und persönliche Reflexion mit Blick auf Erinnerung und Wahrnehmung zu einem geschlossenen wirkenden Konstrukt, das zugleich offen und experimentell ist.


Pro und Kontra

+ die Arbeit am Buch als offener Prozess sichtbar
+ die Beilage kommentiert das Buch


Wertung:sterne4.5

Handlung: 4,5/5
Gestaltung: 5/5
Wirkung: 4,5/5
Preis/Leistung: 4,5/5


Rezension zu Genossin Kuckuck (als Feuchtenbergerowa)