
Brosch Verlag (Oktober 2026)
Paperback, 352 Seiten, 23,00 EUR
ISBN: 978-3982811208
Genre: Urban Fantasy
Klappentext
Bestiehl niemals eine Fee
Monat für Monat sammeln Natalie und ihre Freunde kleine Dinge, die sie aus Taschen, Autos, Wohnungen entwenden. Ein gemeinsames Ritual, vermeintlich harmlos. Bis Natalie das Tagebuch von B. stiehlt, die behauptet, eine Verbannte aus der Feenwelt zu sein. Je weiter Natalie in B.s Aufzeichnungen liest, desto mehr offenbart sich ihr eine verborgene Welt innerhalb ihrer Heimatstadt. Doch wer die Aufmerksamkeit der Feen erregt, lebt gefährlich. Schon bald muss Natalie sich in einem Machtspiel behaupten, dessen Regeln sie nicht einmal ansatzweise versteht.
Rezension
Studentin Natalie hatte schon immer etwas für besondere, kleine Dinge übrig, entsprechend ließ sie sich schnell davon begeistern, solche Dinge zu sammeln und mit Freunden über deren Bedeutung zu diskutieren. Streng genommen sammelt sie nicht einfach nur, sie stiehlt diese Dinge und bricht sogar in Wohnungen ein. Allerdings sucht sie dort nicht nach großen finanziellen Werten, sondern nach kleinen Gegenständen, an denen Erinnerungen hängen. Als sie eines Tages ein Tagebuch mitgehen lässt, eröffnet sich ihr darin eine magische Welt, doch zunächst glaubt Natalie, sie habe es mit großer Phantasie oder einer Art Kunstprojekt zu tun. Sie scheut sich, den anderen Sammelnden das Tagebuch als Trophäe zu präsentieren und behält dessen Inhalt weitgehend für sich. Je mehr sie liest, desto phantastischer wird das, wovon die mysteriöse B., die Besitzerin des Tagebuchs, erzählt. Sogenannte Fey sollen unerkannt unter Menschen leben, magische Wesen wie Feen, Kobolde oder Nymphen. Je mehr Natalie über diese Wesen liest, desto öfter erkennt sie Fey, die in ihrer Stadt leben, von den meisten Menschen unerkannt - und sie ahnt nicht, wie gefährlich Fey sein können ...
Alessandra Reß erzählt in "In Bernstein gebannt" von einer magischen Parallelgesellschaft, die sich Natalie Stück für Stück offenbart. Zunächst deuten nur die Tagebucheinträge auf die Existenz der Fey hin und so lange Natalie an deren Existenz zweifelt, sieht sie deren wahre Gestalt nicht. Doch sie ist auch sehr neugierig und ein Teil von ihr wünscht sich sogar, dass all das, was B. beschreibt, wahr ist. Also folgt Natalie ihren Spuren, besucht die Orte, die B. besucht hat, und spürt zunehmend, dass es in ihrer Stadt mehr gibt, als die meisten Menschen sehen. Erst fällt ihr nur die besondere Augenfarbe einer Kommilitonin auf, dann erkennt sie, dass der Barista ihres Lieblingscafés Hörner hat. Doch ihre Freunde sehen all dies nicht und Natalie zweifelt weiter, während sie gleichzeitig immer tiefer in die Welt von B. abtaucht und schließlich Teil eines Machtspiels wird, in dem eine alte Schuld beglichen werden soll.
Wer B. ist, bleibt lange ein großes Geheimnis, das sie selbst wie einen Schatz hütet. Fey sind ohnehin vorsichtig damit, anderen ihren wahren Namen zu nennen, und ihre Welt funktioniert nach ganz eigenen Regeln. Sie handeln mit Gefallen, tauschen Erinnerungen gegen Bernstein oder geben einen Teil ihrer Selbst für ein magisches Stück Kuchen. Wer nicht aufpasst, ist schneller einen Vertrag eingegangen, als einem lieb ist. B. lebte einst an den Höfen von Feenkönigen, sie trägt traurige Erinnerungen mit sich und wurde verbannt. Die Menschenwelt ist für sie fremd und sie kennt die Regeln der Fey, die unter den "Vergänglichen" leben, nicht. Unterstützung erhält sie von Kaia, einer Nixe, die Menschen verspeist, und dem Eschenmann Esch, der mythische Figuren schnitzt. Die beiden unterstützen B. und helfen ihr, sich unter den Menschen und den anderen Fey zurechtzufinden.
Mit Natalie und B. hat "In Bernstein gebannt" zwei Protagonistinnen, die beide eine für sie fremde Welt entdecken. Die Tagebucheinträge sind kürzer gehalten als Natalies Kapitel und lückenhafter, sodass sie ihre Spannung vor allem aus offenen Fragen ziehen. Bei Natalie hingegen entsteht die Spannung aus dem Erkennen der Fey, was sie anfangs irritiert und später richtig gefährlich für sie wird, auch weil Natalie die Regeln der Fey nicht kennt. Alessandra Reß greift für die Fey auf Volksmythen zurück und zeigt sie als Naturgeister, die manchmal den Menschen sehr ähneln und manchmal auch gänzlich fremdartig sind. Ihre Welt ist voller Zauber, aber auch unheimlich, gerade so viel, dass die Faszination stärker ist als die Angst. In der zweiten Romanhälfte bekommt man tiefere Einblicke in die magische Welt und man ist wie Natalie regelrecht bezaubert. Bis zur letzten Seite behalten die Fey jedoch viele ihrer Geheimnisse für sich und Natalies Kontakt mit ihrer Welt kratzt wohl nicht einmal an der Oberfläche, entsprechend bleibt viel Raum für die eigene Phantasie, die hier mehr als nur angeregt wird.
Zwischen der Haupthandlung und den Tagebucheinträgen gibt es kleine Zwischenspiele, die die Geschichte einzelner Dinge näher beleuchten. So erfährt man beispielsweise, welch emotionaler Wert in einem Schlüsselanhänger in Form einer Meerjungfrauenflosse liegt. Diese Zwischenspiele ergänzen die Handlung perfekt mit ihrer Alltagsmagie. Die Handlung spielt in einer fiktiven Stadt mit zwei Flüssen, die nicht zufällig sehr an Koblenz erinnert. Auf der Innenseite der Klappen findet sich jeweils eine Stadtkarte, in der die wichtigsten Handlungsorte eingezeichnet sind. Überhaupt ist das Buch sehr schön gestaltet, inklusive Schachfiguren vor Natalies Kapiteln (die spät in der Geschichte einen Sinn ergeben) und einer Zeichnung von B., die ihre magische Fremdartigkeit gekonnt einfängt.
Fazit
"In Bernstein gebannt" ist wahrhaft bezaubernde Urban Fantasy, in der Studentin Natalie eine magische Parallelgesellschaft entdeckt und in deren Machtspiele verwickelt wird. Der Roman changiert zwischen der Alltagsmagie besonderer Dinge, dem Zauber der Fey und dem Unheimlichen, das eine Begegnung mit ihnen mit sich bringt. Man verliert sich beim Lesen ganz in der Magie dieses Buches und würde zu gerne selbst hinter den Glimmer schauen.
Pro & Contra
+ die Alltagsmagie besonderer Gegenstände
+ die Magie der Fey wird Stück für Stück enthüllt
+ Natalie und B. entdecken jeweils eine neue Welt
+ changiert zwischen zauberhaft und unheimlich
+ die Fey behalten viele ihrer Geheimnisse
+ wunderschön geschrieben mit vielen interessanten Details
+ schöne Gestaltung des Buches
Wertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5
Interview mit Alessandra Reß (2020)