Die Geister von La Spezia (Oliver Plaschka)

Klett Cotta (März 2026)
Gebunden mit Schutzumschlag
384 Seiten, 25,00 EURbr /> ISBN: 978-3-608-98885-7

Genre: Mystery / Schauerroman / Historik / Retro-SF / Krimi


Klappentext

Auf der Suche nach den Geistern der Vergangenheit …

Italien 1822. Mary Shelley, Autorin von „Frankenstein“, trauert um ihren Mann, der im Golf von La Spezia ertrank. Aber war es wirklich nur ein Unglück, oder steckt mehr dahinter? Die magisch begabte Ermittlerin Pat hat den Auftrag, die Umstände von Percys Tod aufzuklären. Mit übersinnlichen Mitteln führt sie Mary zu den Schauplätzen ihrer Vergangenheit. Und dann müssen sie sich den Geistern von La Spezia stellen ...


Rezension

Nach dem legendären Jahr ohne Sommer und der Veröffentlichung von „Frankenstein“ lebt Mary Shelley mit ihrem Mann Percy Bysshe Shelley im italienischen Exil. Dort wechseln sie mehrmals den Wohnort, begleitet von Freunden, zu denen auch Lord Byron gehört. 1822 landen sie schließlich in La Spezia, wo Percy während eines Unwetters auf dem Meer verunglückt und ertrinkt. Ermittlerin Patricia Colombari, von Freunden Pat genannt, soll im Auftrag von Marys Schwiegervater herausfinden, ob sein Sohn tatsächlich bei einem Unfall sein Leben verlor – oder durch Gewalt. Die trauernde Mary ist erbost über das Erscheinen der Ermittlerin, doch Pat weckt ihre wissenschaftliche Neugier und so stimmt Mary einer Mnemoskopie zu: mit Hilfe dieser neuartigen Technologie taucht Pat in die Erinnerungen Marys ab, durchlebt verschiedene Phasen ihrer Zeit in Italien und durchdringt schließlich die Erinnerungen von Verwandten und Freunden der Familie, um ein Derelikt aufzuspüren – eine verhängnisvolle, unterdrückte Erinnerung …

“Die Geister von La Spezia“ vermischt historische Fakten mit phantastischen Elementen, die als düstere Fantasy und/oder Science Fiction interpretiert werden können. Der Klappentext, eine leicht abgewandelte Version der ursprünglichen Verlagsbeschreibung, verwischt dabei die Spuren der Science Fiction und spricht von einer magischen Begabung Pats. Diese erklärt im Roman jedoch, eine neuartige Technologie zu nutzen, um in Marys Erinnerungen abzutauchen, wobei sie eine besondere Begabung für die Interpretation der Ströme dieser Erinnerungen har. Interessanterweise reist Pat dabei nicht nur durch Marys Erinnerungen, sondern auch durch die anderer Menschen, die sie jedoch ebenso nur als Erinnerungen Marys kennenlernt. Es verschachteln sich verschiedene Ebenen von Wirklichkeiten und dies wirkt, als würde Pat im Traum träumen, wobei die Ereignisse zunehmend phantastischer werden, je tiefer sie geht.

Pat freundet sich mit Mary und Percy an, ebenso mit deren Freunden, wobei all diese Menschen Erinnerungen sind und zugleich die persönlichen Interpretationen des Autors, der die Figuren so beschreibt, wie er sie bei seiner Recherche erlebt hat. Mary ist gezeichnet von den Verlusten in ihrem Leben: ihre Mutter starb kurz nach ihrer Geburt, eine ihrer Schwestern beging Suizid (so wie Percys erste Ehefrau) und drei ihrer Kinder starben innerhalb ihrer ersten Lebensjahre. Kein ungewöhnliches Schicksal für die damalige Zeit, in der die Kindersterblichkeit sehr hoch war. Mary ist tief traumatisiert, was Percy zu einer verhängnisvollen Tat treibt – einem dunklen Geheimnis, dem Pat Schritt für Schritt oder eher Schicht für Schicht näherkommt, während sie sich durch die Erinnerungen arbeitet. Prägend für Mary und Percy ist zudem die Freundschaft zu Byron, den Percy bewundert und mit dem er in einem steten Wettkampf lebt. Der narzisstische Byron ist quasi der Anführer der Freundesgruppe, zu der auch Marys Schwester Claire gehört, die ein Kind mit ihm hat, das sie nicht sehen darf. Byron schart Künstler*innen um sich, träumt wie Percy von der großen Freiheit und verfolgt rebellische Ideen, die sie im konservativen Italien immer wieder dazu zwingen, sich neue Orte zu suchen. Je nachdem, durch wessen Erinnerung Pat gerade reist, verändert sich oftmals auch das Bild der Personen und sie erscheinen umso überzeichneter, je tiefer es hinab geht.

Der Aufbau von „Die Geister von La Spezia“ erinnert ein wenig an „Inception“, nur dass hier nicht unterschiedliche Traumebenen bereist werden, sondern verschiedene Erinnerungsebenen – in einem historischen Setting, dem auch ohne phantastische Elemente bereits eine gewisse Düsternis anhaftet. Das Phantastische steigert die Düsternis und es gibt Szenen im Roman, die durchaus an „Frankenstein“ erinnern. Dabei spielt Byrons Leibarzt Polidori eine besondere Rolle, der ebenfalls eine historische Person ist und hier die Rolle des Forschers einnimmt, der Grenzen überschreitet. Oliver Plaschka gelingt es geradezu spielerisch leicht, die Ebenen zu wechseln, mit zunehmender Seitenzahl immer schneller. Dabei verliert man nie den Überblick, zumindest nicht, wenn man aufmerksam liest und nicht zu viel Zeit zwischen den Kapiteln vergehen lässt. Der Roman lädt ohnehin ein, in einer Nacht verschlungen zu werden. Am Ende warten einige Überraschungen und nicht alles wird aufgeklärt. Die Funktionsweise der Mnemoskopie bleibt im Dunkeln und so bleibt es Interpretationssache, ob es sich dabei eher und Fantasy oder Science Fiction handelt – oder um etwas gänzlich Anderes. Auch wenn man gerne mehr darüber erfahren hätte, ist es doch gerade das, was der Autor nicht erläutert, was Spannung erzeugt.

“Die Geister von La Spezia“ lässt sich kaum einem Genre zuordnen und ist vieles zugleich und nichts davon so ganz: Schauerroman, Historik, Science Fiction, Krimi, Biographie, sogar Komödie. Trotz aller Düsternis und dem dramatischen Tod Shelleys steckt ein hintergründiger Humor in vielen Szenen, die Figuren plänkeln miteinander und Pat hat eine so lockere und empathische Art an sich, dass sich ihr unterschiedlichste Menschen öffnen und sie in ihre Erinnerungen einladen. Zugleich hat sie ihre Geheimnisse, denn sie ist anfangs nicht ganz ehrlich zu Mary. Auch ihr Auftraggeber bleibt eine mysteriöse Figur, die man nie zu Gesicht bekommt. Und dann gibt es da noch jemanden aus Pats Vergangenheit, der seine Finger im Spiel hat. Auch hier hält sich der Autor bedeckt und lässt viel Raum für eigene Interpretationen.

Man spürt auf jeder Seite, wie viel Recherchearbeit in diesem Buch steckt und es ist nicht immer leicht, Fiktion von Realität zu unterscheiden. „Die Geister von La Spezia“ hat ohnehin ein zwiespältiges Verhältnis zur Realität und widmet sich unter anderem der Frage, was wahr ist und wie Erinnerungen darüber entscheiden. Der Roman steckt voll spannender Gedanken und ist insbesondere für die ein Lesegenuss, die schon sehr viel Phantastik gelesen haben und etwas Neues und zugleich Vertrautes lesen möchten. Man hat definitiv mehr von dieser Geschichte, wenn man Mary Shelley und die Phantastik des 19. Jahrhunderts kennt und Freude daran hat, die unterschiedlichen Beziehungen der Figuren zueinander zu ergründen. Zwischen phantastischen und dramatischen Szenen findet sehr viel Alltag statt, was langatmig werden könnte, hätte man nicht so viel Freude daran, eine gedankliche Zeitreise zu unternehmen.


Fazit

”Die Geister von La Spezia“ ist eine vielschichtige und unheimliche Reise durch Erinnerungen, die die Hintergründe eines tragischen Todes beleuchten. Reale Ereignisse vermischen sich mit phantastischen Elementen, die mit einem dunklen Geheimnis verbunden sind. Ein wunderbar kreativer, leicht morbider und durchweg spannender Roman über Mary und Percy Shelley und die jungen Künstler*innen in ihrem Umfeld sowie über Italien im frühen 19. Jahrhundert und die Schatten dieser Zeit.


Pro und Contra

+ ineinander verschachtelte Erinnerungen
+ reale Ereignisse vermischt mit phantastischen Elementen
+ düstere Geheimnisse / verhängnisvolle Forschung
+ vielschichtiges Porträt von Mary und Percy Shelley
+ Pat ist eine wunderbare Protagonistin mit Herz und Verstand
+ authentische Darstellung des Italiens des frühen 19. Jahrhunderts
+ gelungene Überraschungen
+ leicht morbide und unheimlich

o setzt eine gewisse Begeisterung fürs 19. Jahrhundert und ihre Phantastik voraus

Wertungsterne5

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


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