
Gmeiner-Verlag (Februar 2025)
Taschenbuch, 366 Seiten, 15,00 EUR
ISBN: 3839208238
Genre: Kriminalroman
Klappentext
Der Mord an der jungen Joelle Winter erschüttert die Öffentlichkeit. Der Leichenfundort direkt neben dem historischen Pissoir im Braunschweiger Museumpark sorgt für Aufsehen und Gerüchte. Kommissar Wim Schneider und seine Kollegin Rosalie Helmer nehmen die Ermittlungen auf und stoßen auf Parallelen zu einem mysteriösen Cold Case aus dem Jahr 1993. Gibt es eine Verbindung nach Hannover? Die Spuren führen zur düsteren Sage vom „Teufelsspring“ und einem gut gehüteten Geheimnis.
Rezension
Mario Bekeschus beendet vorerst mit „Teufelsspring“ die beliebte Niedersachsen-Krimireihe um Kommissar Wim Schneider und sein Team. Der vierte Band sorgt erneut für Spannung, überrascht mit mutigen Themen und einem ausgefeilten Plot, der den Leser:innen nicht nur Gänsehaut beschert, sondern auch nachdenklich stimmt. Es ist ein würdiger Abschluss, der gleichzeitig eine Liebeserklärung an das Genre Krimi und an die queere Community darstellt.
Handlung mit Wumms
Bereits der ungewöhnliche Leichenfundort – ein Gehölz in der Nähe eines historischen Pissoirs im Braunschweiger Museumpark – sorgt für reichlich Aufsehen und legt den Grundstein für eine Geschichte, die sowohl klassisch als auch erfrischend modern daherkommt. Der Fall um den Mord an Joelle Winter verknüpft auf spannende Weise zwei Zeitebenen: einen Cold Case aus dem Jahr 1993 und die aktuellen Ermittlungen. Die düstere Sage um „Teufelsspring“ verleiht dem Krimi eine mystische Note, die Bekeschus gekonnt in den ansonsten realitätsnahen Plot einbindet.
Doch dabei bleibt es nicht: Mario Bekeschus brilliert mit der gesellschaftskritischen Themensetzung – und das gleich doppelt. So widmet er sich mit großer Genauigkeit und Empathie den Bedingungen in der Pflegebranche. Als ehemalige Pflegekraft kann ich der Darstellung nur zustimmen. Mit viel Einfühlungsvermögen schildert er eindringlich die Missstände: mangelnde Anerkennung, schlechte Arbeitsbedingungen und die emotionalen Belastungen der Pflegekräfte. Und dabei kratzt der Autor nur an der Oberfläche. Bekeschus gelingt es, den Finger tief in die Wunde zu legen, ohne dabei belehrend zu wirken.
Zusätzlich setzt der Autor ein starkes Statement für die queere Community. Die Darstellung der queeren Figuren im Buch ist nicht nur selbstverständlich und authentisch, sondern in ihrer Vielfalt auch wegweisend. Nie zuvor habe ich im Bereich des klassischen Kriminalromans so viel Diversität gesehen wie hier. Damit macht Bekeschus nicht nur einen wichtigen Schritt für Sichtbarkeit und Normalität, sondern setzt auch einen Maßstab für seine zukünftigen Werke sowie für das gesamte Krimigenre. Für diesen Dienst an der queeren Community gebührt nicht nur ihm ein Riesenlob, sondern auch dem Gmeiner-Verlag, der dieses Buch vollends unterstützt. Ein enorm wichtiges Zeichen.
Das Herzstück des Buches: Die Figuren
Wim Schneider und sein Team bleiben auch im vierten Band das Herzstück der Reihe. Die Weiterentwicklungen der Figuren, vor allem rund um Mads, sind gut gelungen und fügen sich hervorragend ins Gesamtbild ein. Die Entscheidung des Autors, den Fokus auf die Handlung, die kritischen Themen und die neuen oder wiederkehrenden Figuren aus Band 3 zu legen ist goldrichtig und funktioniert wunderbar, zudem hält es eine besonders schöne Nebenhandlung rund um Mads und Rosalie bereit.
Die Dialoge sind gewohnt authentisch, der Humor subtil, ohne aufdringlich zu wirken oder gar die Wichtigkeit der Themen zu untergraben. Die zwischenmenschlichen Beziehungen der Figuren untereinander sind wie immer glaubwürdig und erinnerungswürdig. Fans der vorangegangenen Bände werden sich schnell wieder in der Welt von Wim und Co. zurechtfinden, während Neueinsteiger:innen problemlos folgen können, auch ohne die vorangegangenen Bände gelesen zu haben. Dennoch empfehle ich genau das, um einfach ein besseres Gefühl für die einzelnen Figuren zu entwickeln.
Klassischer Krimi im modernen Gewand
Der Schreibstil von Mario Bekeschus ist flüssig, fesselnd und bildhaft. Er versteht es wunderbar, Spannung zu erzeugen, diese hochzuhalten und gleichzeitig eine emotionale Tiefe zu schaffen, die noch lange nach dem Lesen nachhallt. Besonders die atmosphärische Dichte – ob die beklemmende Pflegeeinrichtung oder die lebendigen Dialoge – jedes Setting und jede Situation wirken zu jeder Zeit realistisch und greifbar.
Die Mischung aus klassischem Krimi und den modernen Elementen, ergänzt durch gesellschaftskritische Themen, macht den Roman nicht nur spannend, sondern auch intellektuell ansprechend. Der Plot ist durchdacht, die Wendungen überraschend und der Schluss ein emotionales wie befriedigendes Finale für Fans der Reihe.
Fazit
„Teufelsspring“ ist ein (vorerst) würdiger Abschluss einer beeindruckenden Krimireihe, die mit jedem Band besser und besser geworden ist. Der vierte Teil überzeugt durch einen spannenden Plot, starke gesellschaftskritische Themen und die Einbindung queerer Diversität. Mario Bekeschus beweist abermals sein großes schriftstellerisches Können und liefert ein Buch ab, das sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt.
Fans von Wim und Co. werden diesen letzten Fall vermutlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge beenden, doch es bleibt die Hoffnung auf eine zukünftige Rückkehr. Gleichzeitig ist der Krimi auch für Neueinsteiger:innen eine klare Empfehlung, da er auch ohne Vorkenntnisse gut funktioniert.
Mit „Teufelsspring“ setzt Bekeschus nicht nur einen starken Schlusspunkt unter die Niedersachsen-Krimireihe, sondern hinterlässt auch ein starkes Ausrufezeichen in der Krimilandschaft. Ein Buch, das man gelesen haben muss – nicht nur als Krimifan, sondern auch als jemand, der Wert auf relevante und mutige Literatur legt. Prost Gemeinde!
Pro & Contra
+ vielschichtiger, spannender Plot mit gelungenen Wendungen
+ mutige und authentische Einbindung queerer Themen
+ starker Schreibstil, atmosphärisch dicht und fesselnd
+ hohe Relevanz der gesellschaftlichen Themen (Pflege, Queerness)
- für Leser:innen, die nicht an gesellschaftlichen Themen interessiert sind, könnten diese zu dominant wirken
Bewertung: ![]()
Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis / Leistung: 5/5