A Deadly Episode (Anthony Horowitz)

Horowitz Deadly Episode

Penguin, 2026
Taschenbuch, 370 Seiten
£ 9,99
ISBN 978-1-80-494298-7

Genre: Krimi


Rezension

A Deadly Episode ist der sechste Band der Reihe um den ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne und seinen widerwilligen Chronisten – der Autor selbst als Figur im eigenen Buch. Die Ausgangslage ist typisch metafiktional: Hawthornes erstes gemeinsames Buch mit Horowitz, The Word Is Murder, wird verfilmt. Gedreht wird in Hastings an der englischen Südküste. Das Team am Set ist jedoch alles andere als harmonisch: Regisseur Cy Truman ist prätentiös, Drehbuchautorin Shanika Harris eine Öko-Aktivistin, Hauptdarsteller David Caine kann Co-Star Ralph Seymour nicht ausstehen und Produzentin Theresa de Léon geht gerade das Geld aus.

Mitten in den Dreharbeiten wird David Caine – der Hawthorne spielt – in seinem eigenen Trailer erstochen. Der aufstrebende Star war im Team alles andere als beliebt. Er hatte seine Assistentin Izzy Mays gefeuert, sich mit Cy Truman zerstritten, vor Jahren seine Beziehung zu Shanika Harris beendet, Ralph Seymour – der Horowitz spielt – permanent gedemütigt und seinen Agenten James Aubrey fallen gelassen, kurz bevor ein millionenschwerer Spider-Man-Deal zustande kam. Verdächtige gibt es also reichlich. Doch vielleicht war gar nicht Caine, sondern der echte Hawthorne das Ziel. Denn wie sich herausstellt, hat der brillante Detektiv vor zehn Jahren möglicherweise falsch ermittelt, weshalb ein Unschuldiger ins Gefängnis kam und starb. Will sich die Witwe des Verurteilten, Deborah Morgan, an ihm rächen?

Die Handlung verlagert sich nach Foss Hall, einem elisabethanischen Landschloss in Yorkshire, wo vor zehn Jahren der Verwalter McClintock Opfer eines abscheulichen Mordes wurde. Der Verdacht fiel auf Rupert Ratcliffe, den ältesten Sohn der Besitzer von Foss Hall. Hawthorne konnte dessen Unschuld nachweisen, unter Aufdeckung einiger unschöner Wahrheiten, bei denen es um einen tödlichen Autounfall und Erpressung ging. Am Ende wurde der Schlossangestellte Harry Morgan verhaftet und kam wegen Mordes in das berüchtigte Gefängnis von Manchester, besser bekannt unter dem düsteren Namen Strangeways, das auch wegen seiner hohen Selbstmordrate gefürchtet war. Dort nahm er sich das Leben. Hawthorne rollt den alten Fall wieder auf und erfährt neue Details, die ihn zurück zu seinem aktuellen Fall nach Hastings führen.

A Deadly Episode knüpft stark an The Word Is Murder an und treibt das Serienrätsel um Hawthornes Vergangenheit voran. Dabei bleibt Horowitz absichtlich opak, gestaltet weiter konsequent Hawthorne als Mysterium im Mysterium. In einem Interview erklärt er, er plane rund zehn Bände, und was ihn eigentlich interessiere, sei die Frage, was Hawthorne zu diesem schwierigen Menschen gemacht hat. Normalerweise sei der Autor mächtig und allwissend, hier sei er das Gegenteil: der Watson, der nichts weiß. Horowitz hat die Allwissenheit des Autors abgeschafft. Das Rätsel um Hawthorne ist somit aus erzählerischen Gründen nicht lösbar, das Zurückhalten ist nicht willkürlich, sondern in der Erzählstimme begründet.

Hawthorne zeigt sich und verbirgt sich in seinem Verhalten – ein Ausweichen, eine unerklärliche Reaktion, ein Name, der nicht fallen darf, ein Ort, den er nicht betreten will, kindliche Elemente. Das ist präsent genug, um sich beim Lesen einzulagern, und beiläufig genug, um den jeweiligen Mordfall nicht zu stören. Ein einzelner Hinweis in einem Band liest sich als Atmosphäre; über sechs Bände ergeben die Hinweise ein Muster. Quereinsteiger in die Reihe könnten diese Ebene vielleicht gar nicht wahrnehmen oder sie einfach nur verwirrend finden.

A Deadly Episode ist der persönlichste Fall, mit dem Hawthorne bisher zu tun hatte. Er führt ihn an einen Ort und zu Menschen aus seiner Kindheit zurück. Nach dem Tod seiner Eltern lebte er anderthalb Jahre bei der Familie Ratcliffe auf Foss Hall. Dort reagiert man auf Horowitz’ Fragen nach Hawthorne feindselig, ebenso will in Hawthornes Heimatdorf Reeth niemand über ihn, seine Eltern oder die niedergebrannte Schule sprechen – was sein Mysterium noch verstärkt. Horowitz liefert geschickt eine Information, um dann ein großes Geheimnis daraus zu machen. Der Hawthorne-Strang ist also kein Nebenmotiv, sondern der eigentliche Langzeitplot, und die Mordfälle sind gewissermaßen das Vehikel, mit dem Horowitz dem Detektiv in jedem Band ein Stück näher kommt.

Die beiden Rätsel – die Morde und der Fall Hawthorne – gehorchen unterschiedlichen Regeln. Während Hawthorne das Mysterium bleibt, sind die beiden Mordfälle rigoros fair-play konstruiert und sind damit grundsätzlich bei aufmerksamer Lektüre, gutem Gedächtnis für die vielen Details und logischem Mitdenken nicht unlösbar. Horowitz gelingt es geschickt, Realität und Fiktion zu verwischen – ein durchgehendes Merkmal der gesamten Hawthorne-Reihe und eine große Stärke des Autors. Das Spiel mit dem Autor als Figur in seinem eigenen Werk und einer Verfilmung eines Buches, das selbst eine fiktionale Darstellung „wahrer“ Ereignisse ist, erzeugt mehrere Erzählebenen.

Die Handlung verzweigt sich vom Filmset in Hastings nach Yorkshire und verknüpft einen aktuellen Mord mit einem zehn Jahre zurückliegenden Cold Case, der über mehrere Kapitel in einer zweiten Zeitlinie erzählt wird. Diese Verstrickungen schaffen zusätzliche Spannungsebenen. Horowitz kombiniert den fair-play-whodunnit mit einer Satire auf die Filmindustrie und das True-Crime-Genre, indem er thematisiert, wie heute praktisch jeder Mord zur Option für eine Streaming-Serie oder einen Spielfilm wird. Vor dem Hintergrund der Verfilmung seines Romans legt er die Widersprüche offen: glamouröses Image gegen harte Realität, falsche Nettigkeiten, Konkurrenzdruck bis hin zu beruflicher Sabotage. Letztere ist eines der Motive, mit denen der Roman an The Word Is Murder anknüpft.


Pro und Kontra

+ Meisterschaft im modernen Krimi-Handwerk
+ clevere Metafiktion
+ Close to Death (Band 5) trennt die beiden Hauptfiguren über weite Strecken, während sie hier wieder beinahe durchgehend gemeinsam ermitteln
+ Die Figurendynamik zwischen dem schwierigen Detektiv und dem Autor, der sich charmant selbst karikiert, wird konsequent fortgesetzt, mit witzigen, treffsicheren Dialogen und trockenem britischem Humor.

Wertung:

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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