Monster und Mainframes (Barbara Truelove)

foliant (September 2026)
Übersetzt von Simon Weinert
Paperback, ca. 360 Seiten, 20,00 EUR
ISBN: 978-3-910522-34-3

Genre: Space Fantasy / Horror


Klappentext

Dracula im Weltall. Eine verliebte KI. Und eine Crew voller Monster.

Die Demeter soll eigentlich nur Passagiere nach Alpha Centauri bringen. Doch plötzlich sterben Menschen an Bord – und diesmal ist kein technischer Defekt schuld. Der berüchtigte Graf Dracula ist mit an Bord. Um nicht stillgelegt zu werden, geht die Schiffs-KI ein riskantes Bündnis ein – mit einer denkbar ungewöhnlichen Mannschaft: einem Werwolf, einer Ingenieurin aus Leichenteilen, einem uralten Pharao, einem rachsüchtigen Vampir und einer Schar fröhlicher Spinnendrohnen.

Während Dracula sein Unwesen treibt, kämpft die Demeter um das Überleben ihrer Crew und Passagiere. Und entdeckt dabei, dass ihr medizinisches Bordprogramm Steward vielleicht mehr ist als nur ein Kollege..


Rezension

Etwas stimmt nicht – diese Meldung erreicht die Schiffs-KI Demeter kurz nach ihrem Systemneustart. Doch zunächst schiebt sie sie beiseite, streckt sich durch ihre Systeme und ist überzeugt, dass alles perfekt funktioniert. Doch aus den Tiefen ihrer Subsysteme kommt immer wieder die Nachricht: Etwas stimmt nicht. Demeter wird unruhig, führt Diagnosen aus und kontrolliert ihre Daten – und bemerkt, dass alle Menschen an Bord tot sind. Offenbar gab es ein Massaker, was menschliches Versagen bedeutet und Demeter beruhigt. Es ist nicht ihre Schuld, sie hat alles richtig gemacht. Doch dann registriert sie eine Abweichung beim Gepäck und erkennt, dass etwas an Bord ist. Ein Monster, das ihre Kameras nicht registrieren können und das am Raumhafen von Alpha Centauri B spurlos verschwindet ...

Demeter bleibt mit Datenlücken zurück und andere KIs verspotten sie als Geisterschiff. Die Menschen schieben den Tod aller Passagiere auf eine angeblich defekte Spinnendrohne, doch Demeter weiß, dass das nicht stimmt. Sie recherchiert und erkennt das Unmögliche: Der Vampir Dracula hat die Menschen getötet! Doch niemand glaubt Demeter. Auch nicht, als sie es bei ihrem nächsten Flug mit einem Werwolf zu tun bekommt. Auch nicht, als sich Menschen in groteske Fischwesen verwandeln. Nur andere Monster glauben ihr: Frankenstein, ein künstliches Wesen, das nach Antworten sucht. Steve, ein uraltes Wesen, das in seinen Schatz vernarrt ist und auf den Kameras als Skelett zu erkennen ist. Mina, eine rachsüchtige Vampirin. Und Agnus, die als Kind von Demeter vor dem Werwolf gerettet wurde.

Demeters Crew findet erst in der zweiten Romanhälfte zusammen und ist dabei auch noch weit entfernt davon, eine richtige Crew zu sein. „Monster und Mainframes“ handelt zunächst von unterschiedlichen übernatürlichen Vorfällen an Bord der Demeter, die alle mit dem Tod (fast) aller Menschen an Bord enden. Demeter verzweifelt zunehmend, sie fürchtet, verschrottet zu werden. Immerhin gelingt es ihr, zwei Kinder zu retten und sicher zur Erde zu bringen. Unterstützung hat Demeter zunächst nur von der medizinschen KI Steward, die die Krankenstation an Bord betreut. Steward verfügt über bessere Programme, um mit Menschen zu kommunizieren, doch Demeter hat Ausführungspriorität, was sie anfangs gegen Steward einsetzt und die KI regelmäßig schlafen schickt. Da Steward die Krankenstation nicht verlassen kann, glaubt sier Demeter zunächst auch nicht, dass tatsächlich Monster an Bord sind. Die beiden KIs geraten immer wieder einander, doch im Verlauf der Handlung entwickeln sie Respekt und Gefühle füreinander. Immerhin sitzen sie sprichwörtlich im gleichen Schiff und überstehen gemeinsam übernatürliches Grauen.

Barbara Truelove erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven. Zunächst aus der Demeters und später Stewards, wobei die KIs ganz anders als Menschen denken und sich in ihren Programmierungen stark unterscheiden. Für Demeter sind tote Passagiere zunächst nur ein Kollateralschaden, doch mit jedem neuen Vorfall verändert sie sich, sie erweitert eigenständig ihre Programmierung und findet kreative Lösungen für übernatürliche Probleme, die kein Mensch vorhersehen konnte. Auch Steward erweist sich als erstaunlich anpassungsfähig, erinnert anfangs aber durchaus etwas an den Doktor aus „Star Trek: Voyager“ – und ähnlich wie der Doktor macht auch Steward eine enorme Entwicklung durch, bleibt aber erkennbar eine KI. Es macht unglaublichen Spaß zu lesen, wie anders Demeter und Steward denken und handeln und dabei komplexe Figuren sind, die ihre ganz eigenen Sorgen haben. 

Die dritte Perspektive ist die von Agnus, die als Kind knapp einen Werwolfangriff überlebt hat und auf der Demeter aufgewachsen ist. Sie lebt mit ihrem Bruder Isaac zwischenzeitlich auf der Erde, doch während Isaac dort richtig ankommt und Karriere macht, zieht es Agnus zurück ins Weltall. Sie betrachtet die Demeter als ihre Heimat und hegt einen Groll gegen Dracula. Frankenstein hingegen will eigentlich nur herausfinden, was damals auf der Demeter wirklich passiert ist, denn sier hat sich mit der Spinnendrohne angefreundet, der die Schuld in die Schuhe geschoben wurde. Als Chimäre aus Mensch und Roboter hat Frankenstein eine besondere Verbindung zu den beiden KIs und anderen technologischen Wesen. Steve und Mina mischen erst relativ spät mit, ergänzen die Crew der Demeter aber perfekt.

“Monster und Mainframes“ lebt von seinen skurrilen Figuren und insbesondere die beiden KIs tragen enorm zum hohen Unterhaltungswert bei. Barbara Truelove schickt die Monster aus der klassischen Horror-Literatur ins Weltall, was absurd klingt, aber erstaunlich gut funktioniert. Zwischendurch wird es ziemlich blutig und gruselig, was durch die für Menschen seltsamen Reaktionen der KIs aufgebrochen wird. Es ist nur ein wenig schade, dass die Figuren relativ spät richtig zusammenfinden, wobei „Monster und Mainframes“ durchaus der Auftakt für weitere Romane sein könnte, denn als die Geschichte zu Ende geht, fängt eine neue gerade erst an. Die Story kommt zwar zu einem gelungenen Abschluss, doch man würde zu gerne mehr über Demeter und ihre Crew lesen. 

Das bunte Cover und der Farbschnitt in Regenbogenfarben zeigen schon, dass „Monster und Mainframes“ ein queeres Buch ist, wobei die humorvolle Horror-Story im Vordergrund steht. Für die künstlichen Wesen werden teilweise Neopronomen verwendet, was leider nicht fehlerfrei umgesetzt wurde. Auf die im Klappentext angekündigte Lovestory muss man lange warten, sie nimmt sehr wenig Raum ein und zaubert dennoch ein Lächeln auf die Lippen der Leser*innen. In diesem Roman stecken zudem sehr viel Blut und Gewalt, jede Menge Chaos, aber auch ein paar richtig tolle zwischenmenschliche Momente mit einer monströsen Found Family, die an die Addams Family erinnert. 

Zur Unterhaltung tragen auch die oft humorvollen Kapitelüberschriften bei, dazu gibt es immer wieder Überraschungen, die die Story auf den Kopf stellen. Zwischenzeitlich weiß man nicht, wohin das alles führen soll, doch Barbara Truelove greift alle Handlungsfäden früher oder später wieder auf und verknüpft sie zu einem wahnsinnigen Lesespaß, von dem man nicht genug bekommt. Sogar die Fischwesen, die zunächst völlig deplatziert wirken, fügen sich am Ende noch ein. Es sollte mehr solche kreativen, gut durchdachten und völlig absurden Bücher geben!


Fazit

”Monster und Mainframes“ ist ein herrlich skurriler Mix aus Space Fantasy und Horror, der die Monster klassischer Phantastik ins Weltall schickt und auf Künstliche Intelligenzen treffen lässt, die ihre Programmierung erweitern, um das übernatürliche Chaos in den Griff zu bekommen. Barbara Truelove schreibt mit viel (schwarzem) Humor und spielt das „Was wäre wenn“ gnadenlos durch. 


Pro und Contra

+ Space Fantasy mit Horror und viel Humor
+ die Perspektiven der KIs lesen sich einfach großartig
+ skurrile Figuren, die sich super ergänzen
+ wahnsinnig unterhaltsam und zwischendurch gruselig
+ herrlich amüsante Dialoge
+ unheimlich kreativ und immer wieder überraschend
+ coole Gestaltung des Paperbacks

Wertungsterne4.5

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5