Deshalb kann ich nicht fort (Aiki Mira)

Carcosa (März 2026)
Klappenbroschur, ca. 320 Seiten, 22,00 EUR
ISBN 978–3 910914–52 0

Genre: Science Fiction / Kurzgeschichten


Klappentext

Menschen und Maschinen, Tiere und Wälder, biosynthetische Wesen und künstliche Intelligenzen. Sie suchen und sie riskieren einander. Sie leben in Welten, die uns zugleich nah und fremd sind: Frankfurt. Der Mond. Ein Hotel. Ein Game.

Ein Dialog über Zukünfte. Aber wer spricht? Wer hört zu? Science Fiction als Poesie, nicht nur als Idee. Rhythmus und Rekursion. Das Hörbare zwischen den Zeilen. Dieser Band versammelt Aiki Miras Kurzgeschichten aus den Jahren 2021 bis 2024, mehrfach ausgezeichnet und übersetzt in verschiedene Sprachen.

Aiki Mira selbst sagt: »Die Figuren dieser Erzählungen bleiben. Ihre Träume wurden beim Schreiben zu meinen, ihre Abgründe auch. Deshalb kann ich nicht fort.


Rezension

"Ich zeichne das Portrait weiter, als wäre es ein alternatives Universum. Eine dicht gepackte Wirklichkeit, die alles enthält, was bereits war, was hätte sein können oder was noch werden wird." (aus "Das Universum ohne Eisbärin")

Kurzgeschichtenbände von deutschsprachigen SF-Autor*innen gibt es viel zu selten – umso größer ist die Freude über „Deshalb kann ich nicht fort“ von Aiki Mira. Hier finden sich alle veröffentlichen Erzählungen aus den Jahren 2021 bis 2024 plus eine bislang in Deutschland unveröffentlichte Geschichte, für die allein sich der Kauf schon lohnen würde. Aber fangen wir von vorne an:

Aiki Mira tauchte 2021 mit der Kurzgeschichte „Das Universum ohne Eisbärin“ in der deutschsprachigen Science Fiction auf und begeistert seither Leser*innen mit einem sehr eigenen und sehr atmosphärischen Erzählstil. Kurzgeschichten und Romane von Aiki Mira wurden mit dem Kurd-Laßwitz-Preis sowie dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet, die Erzählung „Utopie 27“ gewann gar beide Preise und ist hier selbstverständlich enthalten – neben 21 weiteren Texten, die nach Veröffentlichung sortiert sind und zu denen Aiki Mira jeweils ein paar Worte zur Entstehung verfasst hat. Diese kleinen persönlichen Einblicke sind hoch interessant und gehören zu einer solchen Sammlung dazu.

Es liegt in der Natur solcher Sammelbände, dass manche Texte besser gefallen als andere, aber hier fällt auf, dass durchweg alle Geschichten handwerklich (sehr) gut gemacht sind und in jeder einzelnen etwas von dem steckt, das Aiki Miras Art zu Schreiben so besonders macht. Thematisch sind die Geschichten durchaus unterschiedlich, wobei alle im Kern von Beziehungen handeln: zwischen Menschen, zwischen Mensch und Technologie, aber auch zwischen Mensch und Natur sowie Natur und Technologie. Darüber hinaus geht es oft um Identität: wer sind wir in einer Welt, die sich rasant verändert, so sehr, dass wir sie in unserer eigenen Lebensspanne kaum wiedererkennen? Wer sind wir, wenn wir unsere Körper technologisch und biologisch verändern können? Und wie frei kann die eigene Identität gelebt werden? Aiki Mira beschäftigt sich viel mit Marginalisierungen, zeigt Zukünfte, in denen weniger diskriminiert wird, aber auch solche, in denen es neue Formen von Diskriminierung gibt.

In den Geschichten trifft man auf sehr unterschiedliche Menschen, wobei es auffallend viele weibliche, nicht-binäre und queere Protagonist*innen gibt. Auch sind unterschiedliche Generationen vertreten und die Jugend der Zukunft erscheint uns fast wie eine neue Spezies. Aiki Mira legt besonderen Wert darauf, die Zukunft auch sprachlich auszudrücken und so nutzen die Figuren Slang, der sich oftmals ähnelt, weil die Kurzgeschichten ähnlich wie die Romane in einer Art gemeinsamer Zukunftsvision spielen. Auch wenn jede Geschichte für sich steht, kommt es einem beim Lesen vor, als würden die meisten von (verschiedenen Zeiten) derselben Zukunft erzählen – und als wäre Aiki Mira eine Person aus dieser Zukunft und nicht jemand aus unserer Gegenwart.

Viele Geschichten widmen sich komplexen und schmerzhaften Themen wie Verlust und Trauer, wofür „Utopie 27“ das beste Beispiel ist. Hier geht es um neue Formen von Gedenken und ein Weiterleben in einer virtuellen Welt, aber auch um eine trauernde Person, die zunehmend verwahrlost, während gleichzeitig die Welt um sie herum zerfällt. Auch „Die Zukunft“ beschäftigt sich mit Verlust und Trauer, geht aber in der Zeit zurück und zeigt uns, wie im 19. Jahrhundert tote Menschen für Andenken fotografiert wurden. Protagonistin Oskar trauert selbst und ertränkt ihre Gefühle in Alkohol – und sie ist schwer verliebt in Aurelie, die von der Fotografie fasziniert ist, ebenso wie von einer völlig neuen Art der Bildgebung.

“Einen Schritt ins Leere“ gehört neben den bereits genannten zu den besten Texten von Aiki Mira und auch hier geht es um einen Verlust, wobei Gegenwart und Vergangenheit in einem Gedankenstrom verschmelzen. Erinnerungen an eine verlorene Liebe durchziehen die Geschichte, in der der Verlust verarbeitet und zugleich die eigene Identität überdacht wird, während die Leser*innen in eine Zukunft blicken, in der die Menschen das Sonnensystem besiedelt haben. Auf dieses Highlight folgt das beeindruckende Finale dieser Sammlung, die zuvor nur auf Französisch erschienene Geschichte „Vakuumfluktuation“, die ebenfalls hinaus in die Weite des Alls führt und bei der sich das erzählende Ich mehrfach selbst verliert und neu erfindet. Ein wahrhaft phantastischer Text, anfangs Cyberpunk, dann Space Opera, in dem alles steckt, das Aiki Miras Werke einzigartig macht.

Neben diesen vier großen Highlights gibt es viele kleine Highlights in „Deshalb kann ich nicht fort“, fast jede Geschichte besticht mit originellen Ideen und schlichter Menschlichkeit. Zwischen den Zeilen klingt immer wieder Kritik an unserer Lebensweise an und die Klimakrise durchzieht die Zukunft mit Ängsten und Schmerz. Doch ebenso steckt in vielen Texten die Hoffnung, dass es weitergeht und dass sich auch in der Zukunft Menschen umeinander kümmern und versuchen, etwas zu verändern und für sich Antworten zu finden. Sie haben sich an eine veränderte Welt angepasst und einige wachsen über das hinaus, was für uns heute Menschen ausmacht. Zwischendrin finden sich auch experimentellere Texte wie „Sonneneruption und Diamantregen“, gerade einmal zweieinhalb faszinierende Seiten, oder „Wassergeburt“, etwas mehr als drei Seiten und mehr Gegenwart als Zukunft. Diese gehören zum Werk dazu und sind interessant zu lesen, lösen jedoch nicht die Begeisterung aus wie andere Texte.

Die Gestaltung des Klappenbroschurs ist, wie von Carcosa gewohnt, schlicht und edel und rundum gelungen. Neben Anmerkungen von Aiki Mira zu jeder einzelnen Geschichte finden sich im Anhang ein Quellenverzeichnis sowie eine Übersicht der erhaltenden Preise und Auszeichnungen und die Danksagung. Diese fällt relativ knapp aus und erwähnt dennoch sehr viele Menschen, was zeigt: Kurzgeschichten und Romane schreibt niemand ganz allein. Es braucht Menschen, die sie lesen, die ermutigen, die kritisieren, die einem helfen, zu wachsen. Und da Aiki Mira trotz beeindruckender Bibliografie noch relativ am Anfang steht, fragt man sich nach der Lektüre, was da noch kommen mag – und freut sich darauf.

"Ich weiß nicht, wer du bist, welches Gesicht oder welchen Körper du trägst. Ich weiß nur, dass ich bis in den Dunkelmodus hinein hier stehen werde, um deinem Echo zu lauschen." (aus "Vakuumfluktuation")


Fazit

”Deshalb kann ich nicht fort“ ist ein schillerndes Juwel unter den Kurzgeschichtenbänden der deutschsprachigen Science Fiction. Aiki Mira begeistert in nahezu jeder Geschichte mit Originalität und Menschlichkeit und einem Stil, der einen ganz eigenen Rhythmus hat. In einzelnen Sätzen stecken hier ganze Welten und oftmals ist man beim Lesen erschrocken und irritiert, aber auch tief berührt und hoffnungsvoll. Ein wundervolles kleines Buch, das aus der Zukunft stammen könnte!


Pro und Contra

+ alle bis 2024 erschienen Erzählungen von Aiki Mira in einem Band
+ viele Geschichten lesen sich, als würde sie jemand aus der Zukunft erzählen
+ beleuchtet unterschiedlichste Beziehungen zwischen Menschen, Technologie und Natur
+ thematisiert u.a. die Klimakrise, futuristische Technologien und queere Identitäten
+ sehr eigener, rhythmischer Schreibstil
+ dystopisch und utopisch
+ schlichte, edle Gestaltung

Wertungsterne5

Geschichten: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Gestaltung: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


Interview mit Aiki Mira (2022)

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