
Weltenruder (Mai 2026)
Taschenbuch, ca. 230 Seiten, 16,90 EUR
ISBN: 978-3911259040
Genre: Cyberpunk
Klappentext
Eine junge Hackerin
in einer Megacity -
im Kampf für die Rebellion.
Der Auftrag ist Recherche, Observation und – im kritischen Fall – Eliminierung von ›Glasses‹, dem mysteriösen Mädchen mit den herzförmigen Brillengläsern, das eines Tages aus dem Nichts auf der untersten Ebene, dem Slum von SynthCity, auftaucht. Fortan folgt ihr jede Kamera. Es gibt kein Verstecken. Oder doch? Während sie die Überwacher zum Narren hält, zieht sich die Schlinge immer enger.
Cyberpunk in einer dystopischen, vollständig überwachten Zukunft.
Rezension
Die Menschen in SynthCity werden permanent überwacht: Tausende Kameras verfolgen jeden ihrer Schritte, zeichnen jedes Wort auf und KIs analysieren, ob sie die Gesellschaftsordnung akzeptieren oder das System ablehnen. Zumindest glauben die Mächtigen der Stadt, dass sie alle jederzeit überwachen können. Eines Tages entdeckt eine KI eine junge Frau, die eine herzförmige Brille trägt, und stuft sie als potentielles Risiko ein. Sie könnte einer Widerstandsgruppe abgehören und zur Märtyrerin werden. Es wird Überwachung angeordnet und Glasses wird über die Kameras der Stadt verfolgt. Dabei fällt der Person, die mit ihrer Überwachung beauftragt wurde, auf, dass sie immer wieder verschwindet und an weiter entfernten Orten wieder auftaucht. Glasses scheint genau zu wissen, wo Kameras hängen und umgeht diese gezielt. Sie gehört tatsächlich einer Gruppierung von Rebellen an, die Anschläge verübt und Werbung in den Streams der Stadt platziert, um Menschen für ihre Sache zu gewinnen. Die Rebellion wächst, doch die Rolle von Glasses bleibt unklar und die Person, die sie verfolgt, hält immer öfter Informationen zurück ...
"The Girl With The Heart-Shaped Glasses" spielt in einer zukünftigen Stadt, von der man nicht genau weiß, wo sie liegt: SynthCity hatte einst einen anderen Namen und wird nun von SynthiCorp regiert. Die Stadt hat mehrere Ebenen: die Elite wohnt natürlich weit oben, inklusive viel Platz und Sonnenlicht und jede Menge High-Tech. Darunter befinden sich die Ebenen der Wohlhabenden und der Mittelschicht - und darunter, wie zu erwarten, die der armen Menschen, die wenig Platz haben und kein Sonnenlicht. Dafür Dreck, Mangel und Zerfall. Entsprechend lautet der Slogan der Rebellion "Brot und Sonne". Diesen rufen sie bei Demonstrationen und sprühen Graffitis. Es gelingt, Monat für Monat mehr Menschen für die Bewegung zu gewinnen, bald sind es tausende, die sich organisieren und einen Wandel in SynthCity fordern. Durch die Perspektive der überwachenden Person erhält man Einblicke in die Rebellion, allerdings lückenhafte, denn Glasses ist nicht die einzige, die den Kameras entgeht. Stück für Stück sammelt man mehr Informationen über sie und die Rebellen sowie die wichtigen Personen in Glasses Leben.
Es gibt viele Nebenfiguren, die immer wieder zusammen mit Glasses gesehen werden und/oder Teil des Widerstands sind. Sie nutzen Nicknames und ihre wahren Identitäten sind nicht leicht zu ermitteln, ebenso wie bei Glasses. Über die meisten Nebenfiguren erfährt man wenig bis nichts mit Ausnahme des Anführers der Rebellen und Glasses Freundin Haven Books. Eine junge Frau aus einer Familie, die sich illegal in SynthCity aufhält und illegalen Geschäften nachgeht. Sie und Glasses führen eine stürmische Beziehung und verfolgen ganz eigene Pläne zusammen. Mehr als ein paar heiße Küsse bekommt man nicht zu sehen, da die überwachende Person jedes Mal wegschaut, wenn die beiden intim werden, und die Zeit für ihre Recherchen und Auswertungen nutzt. So bleibt auch der Blick auf die Beziehung lückenhaft, so wie nahezu alles in diesem Roman, der genau daraus seinen Reiz zieht. Allerdings hätte man über so manche Nebenfigur wirklich gerne mehr erfahren.
Dadurch, dass man Glasses aus der Ferne beobachtet, weiß man anfangs fast nichts über sie. Dennoch spürt man schnell die gleiche Faszination wie die Person, die sie überwacht, und will mehr über die Frau mit der herzförmigen Brille erfahren. Die Überwacherperspektive ist unheimlich spannend, man verfolgt Glasses über Kameras und erhält dazwischen kurze Berichte und Notizen der Person, die sie beobachtet. Dabei bleibt auch diese Person ein Geheimnis und man würde zu gerne wissen, wer sie ist. Spannend ist auch, dass die überwachende Person zunehmend Informationen zurückhält gegenüber den Auftraggebern und langsam eine Besessenheit entwickelt. Die Person will alles über Glasses wissen und greift ein, um sie zu schützen. Gleichzeitig fügt sie ihr Schaden zu, indem sie die Informationen über die Rebellion nutzt, um Mitstreiter*innen an LawSec, den Sicherheitsdienst der Stadt, zu melden. Glasses bemerkt bald, dass sie verfolgt wird und erweist sich als brillante Hackerin, die jedoch nicht vollständig der Überwachung entkommen kann.
Obwohl man Glasses nur durch kurze Beobachtungen kennenlernt, fühlt und fiebert man schnell mit ihr mit. Sie bringt die Rebellion mit ihrem Können voran, doch sie wird zunehmend sabotiert und in der zweiten Romanhälfte wird es ziemlich hässlich. Hier zeigt Anna Lisa Franzke die Schattenseiten moderner Computertechnologie, die es ermöglicht, Personen nicht nur umfassend zu überwachen, sondern auch ihren Ruf zu ruinieren, indem Aufnahmen manipuliert und aus dem Kontext gerissen werden. Man wird Zeuge eines Cyberkriegs, bei dem vieles außerhalb der Romanhandlung geschieht - und bald wird klar, dass man auch nicht allen Kameraaufnahmen trauen kann. Wahrheit hat in SynthCity noch weniger Bedeutung als in unserer Gegenwart, in der bereits KI-Slop das Netz überschwemmt und DeepFakes Menschen in die Irre führen. Und auch in SynthCity gilt: wer Informationen kontrolliert, kontrolliert die Menschen, die sich schnell für etwas begeistern, aber sich fast ebenso schnell abwenden. Das Ende bietet so manche (böse) Überraschung und schließlich erfährt man, dass ein weiterer Roman folgenden wird: "The Girl With The Neon Scars".
Fazit
"The Girl With The Heart-Shaped Glasses" begleitet durch die Überwachung einer einzelnen Person den Aufbau einer Widerstandsgruppe, die versucht, die zutiefst ungerechten Verhältnisse in SynthCity zu ändern. Durch die Perspektive unzähliger Kameraaugen und die Recherchen einer unbekannten Person erfährt man stückchenweise mehr über die junge Frau mit der herzförmigen Brille und ist fasziniert von ihr. Ein verdammt cooler Cyberpunkroman, der eine gute Mischung aus Genreklischees und originellen Ideen bietet und neugierig auf die Fortsetzung macht.
Pro & Contra
+ cooler Cyberpunkroman mit klassischen Genreelementen und frischen Ideen
+ Glasses ist eine faszinierende Persönlichkeit mit vielen Geheimnissen
+ ungewöhnliche Perspektive durch unzählige Kameraaugen und die einer unbekannten Person
+ SynthCity als vertikale Stadt und Verkörperung des Hyperkapitalismus
+ erzeugt viel Spannung durch die lückenhafte Erzählweise
+ thematisiert die Schattenseiten moderner Technologien
+ schönes Klappenbroschur mit passendem Cover
- bedingt durch die Perspektive nur wenige Informationen über Nebenfiguren
Wertung: ![]()
Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5