Interview mit Tommy B. Brandl
Literatopia: Hallo, Tommy! Kürzlich ist Dein Klima-Thriller „Die letzte Hoffnung“ erschienen, in dem eine Lüge die Welt retten soll. 2046 sind sich die Menschen inmitten von Dürren und Fluten immerhin einig, dass dringend gehandelt werden muss, aber es passiert dennoch wenig – woran scheitert Klimaschutz in Deiner Zukunft?
Tommy B. Brandl: Die Menschen sind sich zwar einig, dass dringend mal etwas getan werden müsste, dabei denken sie aber vor allem an irgendjemand anders. Also am besten jemand, der Zeit und Lust hat und sich auch auskennt und so, aber bitte nicht man selbst. Das wäre ja voll anstrengend. Das gepaart mit dem Umstand, dass technologische Lösungen nicht schnell und energieeffizient genug entwickelt wurden, die politische Bereitschaft für Kompromisse an Ländergrenzen und Nationalinteressen hängen bleibt, und die Wirtschaft auf keine kostbaren Prozente BIP-Wachstum verzichten kann, führen in meiner Geschichte zu einer kollektiven Untätigkeit, die außer einem müden Schulterzucken nicht mehr viele Ansätze für ein klimaverträglicheres Leben zustande bringt.
Oder um es kurz zu fassen: Der Klimaschutz scheitert in der Zukunft meines Buches an der Gegenwart des echten Lebens.
Literatopia: UN-Klimapolitikerin Chloe Cortez entwickelt einen verzweifelten Plan, um das Ruder noch herumzureißen – wie viel kannst Du uns darüber verraten, ohne zu sehr zu spoilern?
Tommy B. Brandl: Tatsächlich gar nicht so viel, denn damit Chloes Idee funktioniert, ist notwendig, ihren Weg dorthin mitzuerleben. Einen Weg, den sie als engagierte, mutige und selbstbewusste Idealistin beginnt, der sie aber auch immer stärker verzweifeln lässt, bis diese eine Idee entsteht, die funktionieren könnte. Eine Idee, die Menschheit tatsächlich zum gemeinsamen Handeln verleiten könnte. Wenn sie nicht vorher alles noch viel schlimmer macht.
Was das für eine Idee ist, verrate ich jetzt nicht. Aber, da mein Buch ein Thriller ist, kann sich vermutlich jeder denken, dass es jetzt nicht direkt beim ersten Versuch alles supi-dupi glatt läuft.
Literatopia: Erzähl uns mehr über Chloe: Was ist sie für ein Mensch? Was hat sie in die Politik geführt? Und vor welcher Schuld flüchtet sie?
Tommy B. Brandl: Chloe ist eine leidenschaftliche Kämpferin für ihre Meinungen und Ideen. Sie hat schon während ihrer Schulzeit ihre Liebe zu den Vereinten Nationen gefunden und verbringt seit jeher jede Minute ihres Lebens damit, anderen Menschen helfen zu wollen. Aber Chloe ist nicht perfekt. Sie ist überheblich, naiv, hat ihr eigenes Ego nicht immer unter Kontrolle und erkennt oft erst nach dem Übertreten einer Grenze, dass sie es zwar vielleicht gut gemeint, aber mindestens zwei Schritte zu weit getrieben hat. Chloe ist diese Klassenkameradin, vor der man riesigen Respekt hat, weil sie extrem klug und fleißig ist, die einem aber auch etwas Angst macht. Und weil solche Menschen gerne mal Fehler machen, gibt es auf Chloes Weg zur Rettung der Menschheit einige Entscheidungen, vor denen sie später am liebsten ganz schnell, ganz weit weglaufen möchte. Was aber schwierig ist, wenn man eine globale Inszenierung angefangen und auf einmal sehr mächtige Freunde und noch viel mächtigere Feinde hat.
Literatopia: Wer ist Jack Simmons und was hat er mit Chloe zu tun?
Tommy B. Brandl: Jack ist alles, was Chloe nicht ist. Er ist faul, undiszipliniert, feige, verlogen und alles in allem einfach ein Volldödel. Während Chloe händeringend versucht, das Leben auf der Erde zu retten, verschwendet Jack sein eigenes. Lässt es an ihm vorbei torkeln und merkt noch nicht einmal, dass das passiert. So treibt ihn seine Untätigkeit beinahe an ein sehr frühes und sehr aufgespießtes Ende, dem er nur dank Chloe entrinnt. Doch ob das am Ende wirklich besser ist und wieso ausgerechnet er über das Schicksal der Welt entscheiden könnte, muss dann wieder jeder selbst herausfinden.
Literatopia: Du bezeichnest „Die letzte Hoffnung“ als „Gesellschaftskritik mit Humor“ – inwiefern fügt sich Humor in einen Thriller über die eskalierende Klimakrise?
Tommy B. Brandl: Wenn man mehr als 500 Seiten über die Klimakrise schreibt oder liest, ist es in meinen Augen zwingend notwendig, dass der Text nicht nur von einer Katastrophe zur nächsten springt. Das macht einen ja fertig. Ich wollte unbedingt, dass mein Buch auch immer wieder helle Momente anbietet, oder zumindest hier und da mit einem zynischen Witz die Spannung aus der nahenden Apokalypse entweichen lässt, damit man es auch bis zum Ende des Buches schafft, ohne sich die Kopfhaut an der Raufasertapete abzuschubbern.
Literatopia: Was ist Deine persönliche letzte Hoffnung? Haben wir nach noch die Chance, die Klimakatastrophe abzumildern?
Tommy B. Brandl: Es ist nie zu spät, noch Hoffnung zu haben. Aber es wird schon langsam ziemlich doll Zeit, dass wir aufhören, nur zu hoffen, und endlich anpacken. Wie gut sich die Klimakatastrophe noch abmildern lässt, darüber streiten sich die Wissenschaftler, die das allesamt besser wissen als ich. Im Großen und Ganzen ist das aber auch nicht kriegsentscheidend. Denn, wenn wir kollektiv noch eine Chance haben wollen, nicht auf ganzer Linie zu versagen, wäre gut, wenn wir langsam beginnen würden, mitzuspielen. Und wenn nicht: Na ja, dann ist mein Roman am Ende keine Dystopie, sondern unser Best-Case-Szenario. Schließlich gibt es in meinem Buch in zwanzig Jahren Chloe Cortez. Und die versucht wenigstens mal etwas. Auch wenn das grenzwertig bis unmoralisch ist. Verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Lösungen oder so. Ich würde mir wünschen, dass wir es nicht so weit kommen lassen.
Literatopia: Dein Debütroman „Runaways“ handelt von einer jungen Frau, Julie, die von ihrem Vater zu Hause isoliert wird – warum? Und wie gelingt ihr die Flucht?
Tommy B. Brandl: Also, wenn ich das »Warum« jetzt hier beantworte, verrate ich die gesamte Handlung des Buchs. Deswegen sage ich nur so viel: Sie weiß es nicht, ihr Vater verrät es ihr nicht, und das treibt Julie an den Rand des Wahnsinns. Als sie es nicht mehr erträgt, wagt sie die Flucht und, ja, sie gelingt auch. Doch unglücklicherweise ist ihr Vater der Chef der Londoner Metropolitan Police und als solcher lässt er seine Tochter jagen, damit sie zu ihm zurückgebracht wird. Ob Julie am Ende ein freies Leben führen kann oder nicht, welches dunkle Geheimnis ihr Vater hütet und was der völlig untalentierte Gärtnerbursche John mit der dunklen Vergangenheit damit zu tun hat, das muss jeder selbst herausfinden.
Literatopia: „Runaways“ spielt im viktorianischen London 1851 – was fasziniert Dich persönlich an der Epoche? Und wie hoch war der Rechercheaufwand?
Tommy B. Brandl: Das viktorianische London hat eine ganz besondere Atmosphäre. Die Stadt war damals ein Schmelztiegel, in dem Aristokratie und Armut oft nur eine Seitenstraße auseinander lagen. In denen Licht und Schatten, Arm und Reich, Tradition und Fortschritt so ungebremst kollidierten, dass an jeder Ecke spannende Geschichten entstanden. Von den Londoner Gangs, der ersten Weltausstellung, der Gründung der Metropolitan Police, den Adelshäusern, großen Bällen und Festen bis hin zu den Menschen, die irgendwie versuchen mussten, in dieser Welt ihren Platz zu finden. Das fand ich schon immer extrem spannend. Der Rechercheaufwand war dabei tatsächlich sogar relativ gut zu managen, weil es zum Glück ein riesiges Online-Archiv von Texten, Straßenkarten, Gemälden, Briefen, usw. aus der damaligen Zeit gibt, sodass man auf nahezu jede Frage eine Antwort findet. Einzig den Preis für ein Doppelzimmer in einem kleinen Inn in Eastby musste ich schätzen.
Literatopia: Du schreibst auch Lyrik und hast mit „7 – Sieben Gefühle in siebzig Gedichten“ einen Gedichtband veröffentlicht. Wie beschreibst Du Deine Lyrik interessierten Leser*innen? Welche Formen bevorzugst Du? Und reimst Du oft / manchmal / nie?
Tommy B. Brandl: Mit meiner Lyrik möchte ich vor allem Gefühle zugänglich machen. Ich selbst habe lange Zeit meines Lebens Schwierigkeiten damit gehabt, in Worte zu fassen, was ich eigentlich fühle – ich Mann, ey.
Dank der Lyrik finde ich jetzt immer häufiger einen Zugang zu diesem Teil meines Selbst und versuche, das so gut ich kann auch anderen zu ermöglichen. Dafür ist mir besonders wichtig, dass meine Texte sich nicht hinter hochgestochener sprachlicher Kunstfertigkeit und vierfach verspiegelten Metaphern verstecken, sondern die Gefühle so klar, manchmal auch roh und nahbar transportiert werden, dass sie mit den Leser:innen auch ohne Germanistikstudium resonieren können. Manche Texte reimen sich, manche nicht. Das hängt am Ende immer vom Rhythmus des Herzschlages ab, den das Gefühl auslöst, um das es geht.
Literatopia: Hast Du mit Gedichten oder Geschichten angefangen zu schreiben? Und hast Du Deine ersten Werke in der (virtuellen) Schublade versteckt oder direkt veröffentlicht?
Tommy B. Brandl: Mein allererstes literarisches Werk war mein Büchlein „Papa, warum..?“, dass es zwar online noch zu finden gibt, das aber nur noch verfügbar ist, weil ich die Gebühr nicht bezahlen will, um es runterzunehmen… also, bitte ignoriert es weiter! Die Lyrik folgte erst etwas später, ich bin aber sehr froh, dass ich damit angefangen habe, denn die Auseinandersetzung mit Sprache in kurzen Versen, Rhythmik und besonders bildhaften Formulierungen hilft ungemein auch beim Schreiben eines Romans. Ich kann also nur empfehlen: Leute, schreibt und lest mehr Gedichte!
Literatopia: Du veröffentlichst Deine Bücher im Selfpublishing. War für Dich von Anfang an klar, dass Du alles selbst in der Hand haben willst? Worin lagen für Dich die größten Herausforderungen?
Tommy B. Brandl: Nein, klar war mir das nicht. Ehrlicherweise auch, weil ich angefangen habe zu schreiben, ohne vorher auch nur den Hauch einer Idee davon zu haben, wie man überhaupt ein Buch veröffentlicht, welche Wege es dafür gibt und was für ein verstopftes und maximal undurchlässiges Sieb der Buchmarkt eigentlich ist.
Das Selfpublishing war für mich so zu Beginn der einzige Weg, der in dem Tempo, in dem ich gerne arbeite, für mich zur Verfügung stand. Jetzt genieße ich die Freiheiten sehr. Ich probiere mich gerne aus, lasse mich nicht gerne fesseln und versuche dann eben einfach mal an einem Abend mit etwas Zeit, ob ich nicht so einen Farbschnitt vielleicht selbst gestalten kann. Ein Verlag hätte vermutlich schon längst eine Krise bekommen, wenn ich in einer E-Mail um 22:45 Uhr verkündet hätte, dass ich nach einem Historischen Roman, einem Klima-Thriller und einem Lyrik-Band als nächstes – by the way – gerne einen zeitgenössischen Roman schreiben würde. Was tun Sie denn, Herr Brandl! Die Autoren-Marke muss doch einfach sein, Herr Brandl! Sowas überfordert doch die Leser:innen, Herr Brandl!
Falls irgendwann ein Verlag mal Lust hätte, mit mir gemeinsam einfach Sachen auszuprobieren, deren verbindendes Element ist, dass es spannende Geschichten sind, die mehr wollen, als nur zu unterhalten, würde ich aber auch nicht ablehnen.
Literatopia: Du bist Initiator des „Selfpublisher Speeddatings“, das unabhängige Autor*innen und Buchhändler*innen zusammenbringen soll. Wie läuft ein solches Speeddating ab?
Tommy B. Brandl: Das »Selfpublisher Speeddating« ist ein Online-Format, bei dem Autor:innen aus dem Selfpublishing und Eigenverlag ihre Bücher auf ganz unkomplizierte Weise direkt mehreren Buchhandlungen zur Verfügung stellen können. Dieses Jahr sind es 20 (!!!) Buchhandlungen, die die Aktion unterstützen. Um mitzumachen, müssen die Autor:innen ihre Bücher einfach im Zeitraum von 15.08. bis 15.09.2026 auf indiependables.com hochladen, ein Häkchen beim Speeddating setzen und die entsprechenden Informationen eintragen. Alles weitere übernehme dann ich, bzw. meine Experten-Crew aus 12 Blogger:innen, Vielleser:innen und Verlagsmenschen, die die Bücher sichten, aufbereiten und am Ende in Form einer qualifizierten Shortlist sowie der Longlist aller teilnehmenden Bücher an die Buchhandlungen weitergeben.
Jede:r, der mitmacht, hat also die Chance, dass eine Buchhandlung sich das Buch anschaut und dann prüft, ob es für die jeweiligen Sortimente spannend sein könnte.
Das Ziel der Aktion ist einerseits, Vorbehalte und Vorurteile gegenüber dem Selfpublishing abzubauen und auf der anderen Seite den unabhängigen Buchhandlungen einen Zugang zu Titeln zu ermöglichen, die es nirgendwo sonst zu finden gibt und mit denen sie sich in der Masse des Angebots von großen Playern abheben können.
Literatopia: Auf Deiner Autorenwebsite kündigst Du weitere Romane an – kannst Du uns schon einmal einen kleinen Ausblick geben? Worauf können sich Deine Leser*innen freuen?
Tommy B. Brandl: Ich habe meine Planung als Alptraum eines jeden Verlags ja schon angeteasert. Ich werde mir definitiv weiter treu bleiben und mich nicht an ein einzelnes Genre binden.
»Die Letzte Hoffnung« ist Teil 1 der DIE LETZTE-Reihe. Es sollen noch zwei weitere Klima-Romane folgen, die sich neben der Klimakrise mit den großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit auseinandersetzen: Faschismus, Populismus, Propaganda, KI und noch ein paar weitere Gute-Laune-Themen.
Parallel habe ich bereits begonnen, einen zeitgenössischen Roman zu schreiben, in dem es um Vaterschaft, intergenerationales Trauma und die Verlorenheit von Männern in unserer heutigen Welt gehen soll.
Historische Stoffe habe ich auch noch im Kopf. Ganz besonders reizen würde mich hier ein Epos über die Himmelsscheibe von Nebra, oder die Geschichte meiner Großmutter kurz nach Ende des zweiten Weltkriegs.
Jetzt muss ich nur noch die Zeit finden, all das zu schreiben.
Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!
Tommy B. Brandl: Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte!
Autorenfoto: Copyright by Marco Schmitt
Autorenwebsite: https://www.tommybrandl.de
Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.