Die Giehse. Ein Leben für das Theater 1898–1975 (Barbara Yelin)

yelin die giehse

Reprodukt, Oktober 2025
Gebunden, 56 Seiten
€ 20,00
ISBN 978-3-95640-458-0

Genre: Graphic Novel, biografischer Comic


Rezension

Barbara Yelins Graphic Novel Die Giehse ist weit mehr als eine biografische Annäherung an die Schauspielerin Therese Giehse. Das Werk zeichnet ein künstlerisch verdichtetes Porträt einer Frau, die in einer Zeit politischer Unterdrückung und gesellschaftlicher Erschütterungen unbeirrt ihren eigenen Weg ging. Yelin verknüpft historische Fakten, Zeugnisse und Erinnerungsfragmente mit ihrer atmosphärischen Bildsprache zu einer unsentimentalen und berührenden Erzählung. Die Graphic Novel macht sichtbar, wie eng Kunst, Politik und persönliche Identität miteinander verwoben sind – und wie eine Künstlerin zur Stimme des Widerstands werden konnte. Zugleich eröffnet das Werk einen eindringlichen Blick auf Exil, Theater und die Frage, wie Menschen in Krisenzeiten ihre Haltung bewahren.

Im Mittelpunkt steht Therese Giehse als Schauspielerin, die vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht und ihre Auftritte im politischen Kabarett bekannt wurde. Besonders prägend erscheint ihre Mitgründung der Kabarettgruppe „Die Pfeffermühle“, die sich offen gegen den Nationalsozialismus stellte. Mit Satire, Humor und politischer Schärfe prangerte die Gruppe Missstände an – ein künstlerischer Widerstand, der für Giehse aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihrer politischen Haltung lebensgefährlich wurde. Die Graphic Novel folgt Giehse auf ihrem Weg in das Schweizer Exil, wo sie trotz materieller Unsicherheit und politischer Isolation weiterarbeitete. Giehse bewegte sich zwischen Heimweh, Angst und künstlerischem Anspruch, ohne ihre Haltung preiszugeben.

Auch spätere Erfolge als Schauspielerin – etwa in Brechts Stücken – werden aufgegriffen, bleiben jedoch stets eingebettet in die zentrale Frage, welche Kraft Kunst in politisch aufgeladenen Zeiten entfalten kann. Yelin präsentiert Giehse nicht als vollständig entschlüsselbare Figur. Die Schauspielerin erscheint vielmehr als Persönlichkeit, die gerade durch ihre Diskretion und Zurückhaltung schwer greifbar bleibt. Der Zugang zu ihr erfolgt über Spuren: über Auftritte, Rollen, Dokumente und Erinnerungsfragmente. So wird weniger ein abgeschlossenes Persönlichkeitsbild entworfen als eine Annäherung an ein Leben, dessen Zentrum das Spielen selbst bildet.

Aus dieser Form der Annäherung ergeben sich die zentralen Themen des Werks: Kunst, Politik, Exil und Identität. Giehse und ihre Mitstreiterinnen verstehen Theater nicht als bloße Unterhaltung, sondern als Raum gesellschaftlicher Kritik. Die Graphic Novel verdeutlicht, wie Kunst aufklären, irritieren und protestieren kann – und wie Künstlerinnen Verantwortung übernehmen, wenn demokratische Werte unter Druck geraten. Besonders deutlich wird dies im wiederkehrenden Motiv des Spielens. Die Formel „Ich muss spielen“ bündelt Giehses Selbstverständnis: Theater ist für sie nicht bloß Beruf, sondern existenzielle Notwendigkeit. Die achtmal auftauchende Wendung „Therese spielt“ verdichtet diesen Gedanken. Giehse erscheint nicht als Figur, die sich in privaten Bekenntnissen offenlegt, sondern als Künstlerin, deren Leben sich im Spiel ausdrückt. Yelin nähert sich ihr damit nicht durch psychologische Enthüllung, sondern durch die glaubwürdige Darstellung einer Haltung – Spielen als Beruf, Selbstbehauptung und Lebensform zugleich.

Für Giehse bedeutet das Exil nicht nur den Verlust der Heimat, sondern auch Unsicherheit über die Zukunft, Abhängigkeit von Behörden und Unterstützern sowie Isolation und kulturelle Entwurzelung. Yelin macht spürbar, wie schwer es für Giehse war, in einem fremden Land neu anzufangen – und wie sehr sie dennoch an ihrer künstlerischen Stimme festhielt. Gerade dadurch erhält das Thema eine besondere Gegenwärtigkeit: Politische Flucht, Verlust und Entwurzelung sind keine abgeschlossenen historischen Erfahrungen, sondern prägen bis heute unzählige Lebensgeschichten.

Therese Giehse erscheint als unabhängige, selbstbestimmte Frau, die sich weder gesellschaftlichen Erwartungen noch politischen Zwängen beugt. Yelin zeigt sie humorvoll, klug, widersprüchlich und zutiefst menschlich – als Figur, in der Stärke und Verletzlichkeit gleichermaßen sichtbar werden. Gerade dadurch gewinnt ihr Lebensweg eine Gegenwärtigkeit, die über das historische Porträt hinausweist: Er wirft Fragen nach Freiheit, Integrität und persönlicher Haltung auf, die bis heute nachklingen.

Barbara Yelins Zeichenstil wirkt atmosphärisch und emotional verdichtet. Raue Linien, zurückgenommene Farben und wechselnde Schattierungen spiegeln die innere wie äußere Lage der Figuren. Dunkle Töne prägen Szenen der Bedrohung und Unsicherheit, während hellere Farbnuancen Momente von Hoffnung und Lebendigkeit öffnen. Diese visuelle Offenheit setzt sich in Yelins Erzählweise fort. Sie arbeitet mit Zeitsprüngen, Erinnerungsfragmenten und Perspektivwechseln, sodass die Graphic Novel weniger chronologisch als vielmehr assoziativ aufgebaut erscheint.

Yelin selbst schreibt über ihren Comic als ein „Puzzle der Erinnerung“. Dieser Begriff ist zentral für das Verständnis des Werks: Die Künstlerin rekonstruiert Giehse nicht aus einer Fülle privater Bekenntnisse (- die es kaum gibt), sondern aus verstreuten Hinweisen, archivarischen Spuren und künstlerischen Nachwirkungen. Je intensiver sie der historischen Person nachspürt, desto deutlicher tritt deren Unverfügbarkeit hervor. Gerade darin liegt eine besondere Stärke der Graphic Novel: Sie behauptet nicht, Giehse vollständig verstehen oder erklären zu können, sondern macht die tastende Annäherung selbst zum Bestandteil der Erzählung.

Yelins Verfahren berührt damit stellenweise die Tradition der Oral History, also einer Geschichtsschreibung aus mündlichen Erinnerungen, ohne selbst eine Oral-History-Arbeit im strengen methodischen Sinn zu sein. Erinnerungen, Aussagen Dritter, archivarische Hinweise und künstlerische Verdichtung fügen sich nicht zu einem geschlossenen Lebensbild, sondern zu einer biografischen Collage. Gerade aus dieser Offenheit gewinnt die Annäherung ihre Glaubwürdigkeit: Der Comic glättet die Lücken nicht, sondern macht sie als Teil des Erinnerns sichtbar. Auf diese Weise entsteht ein sehr persönlicher Zugang zu Giehse, der weit über eine rein dokumentarische Darstellung hinausgeht. 


Fazit

Die Giehse ist eine eindrucksvolle Graphic Novel, die das Leben einer außergewöhnlichen Frau mit großer künstlerischer Sensibilität erzählt. Barbara Yelin verwebt historische Ereignisse, biografische Spuren, Erinnerungsfragmente und politische Zusammenhänge zu einem vielschichtigen Gesamtbild. Das Werk zeigt, wie Kunst in Zeiten politischer Bedrohung zum Akt des Widerstands werden kann, und erinnert daran, welche Bedeutung Mut, Freiheit und Integrität besitzen. Besonders überzeugen die emotionale Bildsprache, die differenzierte Zeichnung der Hauptfigur und die glaubwürdige Darstellung von Giehses künstlerischem Selbstverständnis. Insgesamt lädt Die Giehse dazu ein, über Vergangenheit und Gegenwart nachzudenken – und über die Rolle, die Kunst in beiden spielt.


Pro und Kontra

+ sensible und differenzierte Darstellung Giehses
+ atmosphärische Bildsprache
+ Verbindung von Zeitgeschichte und biografischer Spurensuche
+ emotionale Zugänglichkeit ohne Vereinfachung
+ ruhige, reflektierte Erzählweise

Wertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 5/5