
Verlag: Carlsen; (Januar 2026)
Gebundene Ausgabe: 104 Seiten; 24 €
ISBN-13: 978-3-551-80637-6
Genre: Roman dur/ Drama
Klappentext
Gewalt und Mord in einer besetzten Stadt
Der 18-jährige Frank Friedmaier, Sohn der Besitzerin des örtlichen Bordells, ist ein verwöhnter Junge. Um seine Wünsche zu erfüllen, hat er die „Qual der Wahl“ zwischen den Untermieterinnen seiner Mutter und Sissy, seiner Nachbarin, die in ihn verliebt ist. Doch in dieser besetzten Stadt, die von Krieg, Mangel und Angst heimgesucht wird, gibt er den Versuchungen des Verbrechens nach. Frank begeht immer schrecklichere Taten, bis er schließlich zum Mörder wird und Sissy gegen ihren Willen einem Bekannten zuführt. Doch der Weg des Bösen kann im Unvorhersehbaren enden.
Und das ist es, was am Ende dieses existenzialistischen Roman noir steht.
Erste grafische Adaption eines der
bedeutendsten Werke des Meisters des „Roman dur“.
Der berühmte belgische Schriftsteller Georges Simenon (1903-1989) ist bekannt für 75 Krimis und über 100 weitere Romane und zahlreiche Erzählungen.
Mit „Der Schnee war schmutzig“ haben Jean-Luc Fromental und Bernard Yslaire zeichnerisch wie erzählerisch eine so atemberaubende wie düstere Adaption des Werks geschaffen – das Simenon selbst als seinen „besten Roman“ bezeichnet hat.
Rezension
In einer besetzten Stadt lebt Frank Friedmaier bei seiner Mutter, die ein Bordell betreibt. Aufgewachsen auf dem Land fern von seiner Mutter und ihren Geschäften, zog er erst spät in die Stadt, wenngleich er erst 18 Jahre alt ist. Seine Mutter erfüllt ihm jeden Wunsch, egal was er braucht, er bekommt es von ihr. So verbringt er seine Tage zwischen den Betten, der für seine Mutter arbeitenden Frauen, und den Cafés und Bars der Stadt, in denen er auch neue Frauen fürs Geschäft anheuert. Das Einzige, das so etwas wie einen Lichtblick in seinem Leben darstellt, ist die Nachbarstochter Sissy. Doch die dunklen Abgründe in Frank treiben ihn zu immer schwereren Straftaten bis hin zu Mord und selbst vor Sissy macht er in seiner Gleichgültigkeit und Langeweile keinen Halt. Ein Bekannter von ihm will mit ihr schlafen und Frank ist nur allzu bereit sie zu teilen, bzw. es so zu arrangieren, dass sie denkt, sie würde mit ihm schlafen statt mit seinem Bekannten. Dass sein Bekannter Sissy somit vergewaltigt, ist ihm vollkommen egal.
Allerdings holt einen das Leben irgendwann immer ein und damit sieht er sich eines Tages vor die Tatsache gestellt, dass die besten Schutzmaßnahmen nichts nutzen, wenn man einen Fehler zu viel macht. Von da an sieht er sich den Konsequenzen seiner Taten gegenüber, mit all der Härte, die die Obrigkeit der Besatzungsmacht aufbringen kann.
Der Schnee war schmutzig ist der Roman , den Georges Simenon selbst als seinen besten bezeichnet hat. Unter dem Eindruck des Todes seines Bruders und der Nachkriegszeit geschrieben, ist der Roman sehr schwere Kost und ein düsterer und harter Blick auf die Realität einer besetzten Stadt, in der eigentlich jeder nur überleben will. Hauptperson ist dabei Frank Friedmaier, der verwöhnte und gelangweilte Sohn einer Bordellbesitzerin, der immer weiter ins Verbrechen abrutscht und schließlich vollkommen gleichgültig und quasi nebenbei Morde begeht, ohne Empfindungen, rein mechanisch. Bis zum Schluss ist Frank niemand, dem man auf der Straße begegnen möchte oder auch nur ein kleines Fünkchen Sympathie entgegenbringt.
Mit der Umsetzung von Der Schnee war schmutzig in einen Comic sind Jean-Luc Fromental und Bernard Yslaire ein großes Risiko eingegangen. Im besten Fall konnte ihnen eine gelungene Adaption gelingen, im schlechtesten Fall konnten sie nur grandios scheitern. Tatsächlich ist ihnen aber eine gute Umsetzung gelungen, wenn auch nicht perfekt, dafür gibt es ein/ zwei Sprünge in der Handlung, an der es gerne noch etwas ausführlicher hätte sein können. Was ihnen aber auf jeden Fall gelingt, ist die Darstellung der Kälte und Gefühllosigkeit in der Welt der besetzten Stadt. Frank Friedmaier ist dadurch vollkommen emotional abgestumpft und das führt eben zu seinen Taten im ersten Teil des Comics. Er hat alles, aber letztlich fühlt er dadurch nichts mehr. Dies wird im ersten Teil des Comics perfekt dargestellt. Es fällt schwer nicht wütend auf diesen Jungen zu sein und zu sehen, wie er so werden konnte. Doch mit der Zeit macht die Wut Mitleid Platz, denn Frank Friedmaier hatte eigentlich nie eine Chance auf ein normales Leben.
Im zweiten Teil, der ausschließlich im Gefängnis und im Verhörraum spielt, wird Frank dann menschlicher, wenn auch nicht zugänglicher. Erst in dem Moment, in dem er alles verloren hat, kann er sich selbst finden. Ausgelöst wird dies durch einen Besuch von Sissy, die ihm ihre bedingungslose Liebe gesteht. Damit erfährt er zum ersten Mal etwas Wärme und die sorgt dafür, dass Frank zu fühlen beginnt. Der Roman und der Comic verweigern glücklicherweise ein Happy End, sondern Frank übernimmt Verantwortung und stellt sich seiner Schuld. Das wurde von Georges Simenon, der sich in diesem Roman mit Schuld, Sühne, Verantwortung und der Seelenwelt des Menschen beschäftigt hat, hervorragend herausgearbeitet und Jean-Luc Fromental und Bernard Yslaire gelingt es, genau dies zu bewahren. Auch ohne Kenntnis des Romans ist zu erkennen, dass sie den Kern des Romans und die Idee des Roman dur bewahrt haben.
Einen großen Anteil tragen die Zeichnungen von Bernard Yslaire bei. Insbesondere die Darstellung von Frank Friedmaier ist hier wichtig. In der Außenwelt, während seiner Taten, zeichnet Yslaire ihn als gut aussehend, fast schon androgyn, als ein Wesen, dass nicht erreichbar ist. Jegliche Bedrohung scheint bereits rein optisch an ihm abzugleiten. Doch sobald es ins Gefängnis geht, wirkt er immer menschlicher, zugänglicher, bis er schließlich nichts weiter ist als einfacher Mann und Mörder, der seiner Strafe entgegensieht. Allein dieser Aspekt der Zeichnungen ist bereits mehr als gelungen. Passend dazu überzeichnet Bernard Yslaire die restlichen Charaktere so weit, dass sie noch realistisch wirken, so dass sie zu Franks Welt passen. Aber auch die Stadt, in der das Geschehen seinen Lauf nimmt, ist wichtig und diese gestaltet Bernard Yslaire als einen hoffnungslosen Ort, der dennoch eine gewisse Schönheit in sich birgt. Die winterliche, trostlose Atmosphäre wird von ihm perfekt umgesetzt. Dafür setzt er auf blasse, ausgewaschene und dunklere Farben. Alles fügt sich am Ende zu einer atmosphärisch dichten Erzählung zusammen.
Fazit
Der Schnee war schmutzig ist schwere Kost und ganz sicher nicht leicht zu verdauen, wenn man sich darauf einlässt. Jean-Luc Fromental und Bernard Yslaire haben Georges Simenons Roman genommen und ihn würdig in einen Comic umgesetzt, der fast perfekt ist, aber eben nicht ganz.
Pro & Contra
+ gelungene Umsetzung
+ die Zeichnungen Bernard Yslaires arbeiten die Atmosphäre des Romans heraus
+ Blick auf eine emotional abgestumpfte Welt
Bewertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4,5/5