Der Doppelmord in der Rue Morgue – Illustrierte Schmuckausgabe (Edgar Allan Poe)

rue morgue

Verlag: Coppenrath: (August 2025)
Gebundene Ausgabe: Seiten; 24 €
ISBN-13: 978-3-649-64974-8

Genre: Krimi


Klappentext

Dieser Band enthält:

Der Goldkäfer

Du bist der Mörder!

Der Mann in der Menge

Der Doppelmord in der Rue Morgue

Das Geheimnis um Marie Roget

Der entwendete Brief


Rezension

Edgar Allan Poe ist nach wie vor einer der einflussreichsten amerikanischen Autoren und wird von vielen als Meister des Horrors und des Krimis verehrt. Und dies vollkommen zurecht. Seine Geschichten sind an Atmosphäre kaum zu überbieten. Gerade im Bereich des Horrors hat er vieles beigetragen, dass auch heute noch mit Leichtigkeit bestehen kann. Im Gebiet des Krimis trug er allerdings auch so einiges bei und eben nicht nur mit der Kurzgeschichte Der Doppelmord in der Rue Morgue, sondern er verfasste auch weitere Geschichten, die weitestgehend in dieses Genre fallen oder in denen zumindest ein Rätsel durch Logik gelöst werden muss. Zugegeben, Der Doppelmord in der Rue Morgue ist mit Sicherheit sein einflussreichstes Werk, wenn man bedenkt, dass Poe damit die Blaupause für Sherlock Holmes vorgelegt hat, aber auch seine anderen Kriminalgeschichten, unter denen auch zwei weitere mit C. Auguste Dupin sind, sind weiterhin mehr als einen Blick wert.

Der Goldkäfer

Auf Sullivan´s Island leben Legrand und sein freigelassener Sklaven Jupiter. Zufrieden lebt der exzentrische Legrand sein Leben, auch wenn er längst nicht mehr so reich ist wie einst. Als ein Freund zu Besuch kommt, berichtet er von einem ungewöhnlichen Fund. Ein Käfer, der aus Gold zu bestehen scheint, wurde von ihm auf der Insel entdeckt. rue morgue4Da er ihn einem Entomologen zur Betrachtung gegeben hat, zeichnet er ihn seinem Besucher auf. Doch der sieht nichts weiter als einen Totenkopf. Wochen später kommt Jupiter zu Legrands Freund und berichtet ihm, dass sich dieser sehr seltsam verhält. Und tatsächlich scheint dieser von dem Goldkäfer besessen zu sein und macht sich mit dessen Hilfe auf die Suche nach einem Schatz. 
Der Goldkäfer ist streng genommen kein wirklicher Krimi, denn hier geht es um eine Schatzsuche. Allerdings finden sich hier schon die Elemente, die Edgar Allan Poe später in seinen anderen Krimis verstärken wird. Legrand muss hier Rätsel lösen und Rückschlüsse ziehen, so dass dadurch das Vorhandensein von Der Goldkäfer in diesem Band vollkommen gerechtfertigt ist. Edgar Allan Poes Interesse an Kryptographie und Kryptoanalyse nimmt eine zentrale Stellung ein und wird von ihm nicht trocken sondern spannend präsentiert. Insgesamt ist Der Goldkäfer eine großartige Abenteuergeschichte.

Du bist der Mörder!

An einem Samstagmorgen verlässt der reiche Mr. Barnabas Shuttleworthy den kleinen Ort Rattleborough um in die Stadt zu reiten. Zwei Stunden später kehrt sein Pferd ohne die Satteltaschen und seinen Reiter zurück. Sein guter Freund, Mr. Charles Goodfellow, besteht sofort darauf einen Suchtrupp zusammenzustellen, um den Verschwundenen zu suchen. Doch eine Leiche ist nicht zu finden. Dennoch fällt der Verdacht der Ermordung seines Onkels recht schnell auf Shuttleworthys Neffen. Denn es tauchen immer wieder neue belastende Indizien auf. Nur eine Person hat Zweifel daran und nutzt eine Einladung des plötzlich generösen Goodfellow, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.
In Du bist der Mörder! erzählt Edgar Allan Poe einen kleinen, aber feinen Krimi, der weniger von der Frage nach dem Mörder, sondern von seiner dennoch überraschenden Auflösung lebt, bei der er einen ganz speziellen Weg geht.

Der Mann in der Menge

Ein Mann schaut aus einem Fenster eines Kaffeehauses und ihm fällt in der vorbeigehenden Menge ein alter Mann auf, der zunächst ärmlicher wirkt, aber wie sich später herausstellt unter seinem Mantel teure Kleidung, einen Diamantring und einen Dolch trägt. Der Mann ist von dieser Person so fasziniert, dass er ihr praktisch durch ganz London folgt, nur um festzustellen, dass der alte Mann immer die Menge sucht und gehetzt wirkt.
Der Mann in der Menge ist weniger ein Krimi, sondern mehr ein Stimmungsbild und eine Parabel, wie sich das Böse unter den Menschen verbirgt. Auch wenn der rätselhafte Mann, bei keinem Verbrechen beobachtet wird.

Der Doppelmord in der Rue Morgue

Aus der Zeitung erfährt C. Auguste Dupin von einem bestialischen Doppelmord in der Rue Morgue. Nur die beiden ermordeten Frauen lebten in dem Haus, in dessen vierten Stock sie in einem von innen verschlossenen Raum hingeschlachtet wurden. Die Polizei hat keinen Ermittlungsansatz, aber C. Auguste Dupin kommt mit seinem messerscharfen, analytischen Verstand hinter das Geheimnis der Morde.
rue morgue3Ein von innen verschlossener Raum, in dem ein Mord stattfand, die hilflose Polizei, die diesen nicht aufklären kann und ein Detektiv und sein Begleiter, der die Lösung schließlich durch die reine Logik und Deduktion findet, dies sind die Zutaten für Edgar Allan Poes Kurzgeschichte und damit präsentiert er bereits die Grundstruktur für viele Krimis, die noch folgen sollten. Allen voran natürlich Sherlock Holmes, dessen Ursprünge in dieser Geschichte liegen. Der Mörder in diesem Krimi mag heutzutage etwas seltsam und kurios wirken, aber alles andere ist zeitlos und Edgar Allan Poe hat zudem mit C. Auguste Dupin einen ebenso interessanten Charakter geschaffen, wie es später Sherlock Holmes sein sollte.

Das Geheimnis um Marie Roget

Die junge und hübsche Marie Roget, die in einem Pariser Parfümgeschäft arbeitet, verschwindet spurlos und wird nach vier Tagen tot in der Seine gefunden. Die Polizei tappt im Dunkeln und der Polizeipräfekt wendet sich hilfesuchend an C. Auguste Dupin, der seit seiner Aufklärung des Doppelmordes in der Rue Morgue einen sehr guten Ruf bei der Polizei und der Öffentlichkeit genießt. Dieser macht sich an die Arbeit und analysiert Zeitungsartikel, Berichte und Zeugenaussagen und kann so einige bisherige Annahmen als fehlerhaft ausschließen. Schließlich lassen seinen Überlegungen nur einen Schluss zu und diesen teilt er der Polizei mit. Dadurch ist der Mord nicht zur Gänze aufgelöst, aber Dupin könnte den entscheidenden Hinweis geben.
Edgar Allan Poe präsentiert mit Das Geheimnis um Marie Roget einen Krimi ohne wirkliche Auflösung und einen Ermittler, der nicht sein Haus verlässt. Dennoch ist die Geschichte hochspannend, weil die Gedankengänge und Schlüsse eines C. Auguste Dupin so interessant und spannend von Edgar Allan Poe geschildert werden. Aber das ist nur die eine Seite dieser Geschichte. Denn Edgar Allan Poe basierte seine Geschichte auf einen realen Fall, dessen Einzelheiten er sehr genau übernahm. So gesehen hat er hier bereits das gesamte True Crime-Genre vorweggenommen. Es besteht also eine gewisse Authentizität, wobei Edgar Allan Poe den Erzähler zurecht darauf hinweisen lässt, dass die Lösung auch eine ganz andere sein könnte. Eine Karte von Paris ist diesem Fall beigelegt und – was das Ganze realer erscheinen lässt – ebenso ein Ausschnitt eines Zeitungsartikel des North Carolina Standard vom 06. Oktober 1841, in dem vom realen Mord berichtet wird.

Der entwendete Brief

Ein wichtiges Dokument wurde aus den königlichen Gemächern entwendet. Der Täter ist bekannt. Es ist ein Minister und dieser nutzt das Dokument, um diejenige, an die es gerichtet war, zu erpressen. Da das ganze eine sehr heikle Angelegenheit ist, kann der Minister nicht verhaftet werden, auch sein Zuhause kann nicht offen durchsucht werden. Trotzdem ließ der Polizeipräfekt alles heimlich durchsuchen, doch der Brief blieb unauffindbar. Also richtet er sich ein weiteres Mal an C. Auguste Dupin und der weiß schon bald ganz genau, wo der Brief ist. rue morgue4
Mit seiner dritten Geschichte über C. Auguste Dupin beschreitet Edgar Allan Poe einen weiteren Weg einen Krimi zu erzählen. Dieses Mal steht die Analyse der Umstände des Verbrechens und des Charakters des Täters im Mittelpunkt, aus denen der Ermittler seine Schlüsse zieht, um das Problem zu lösen. Das ist erneut brillant geschrieben und es ist kaum zu glauben, dass die Geschichte fast zweihundert Jahre alt ist, denn sie fühlt sich deutlich moderner an.

Zusätzlich zu den Kurzgeschichten ist ein informatives Nachwort enthalten, in dem auf die Bedeutung Edgar Allan Poes für zeitgenössische und moderne Autoren des Horror- und Krimigenres eingegangen wird. Dazu kommt eine kurze, aber dennoch ausreichend ausführliche Erläuterung der verschiedenen erzählerischen Ansätze für die Geschichten über C. Auguste Dupin. Und natürlich geht das Nachwort auf C. Auguste Dupins Nachfolger Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle ein.
Direkt darauf folgen mehrere Seiten mit Anmerkungen, die den einzelnen Geschichten zugeordnet sind und sie so dem heutigen Leser noch näher bringen.

Ein weiteres Herzstück dieser kleinen Schmuckausgabe sind die Beigaben, die in das Buch eingelegt sind. Diese sind generell bei den Schmuckausgaben des Verlages gelungen, aber bei Der Doppelmord der Rue Morgue sind sie dennoch stellenweise noch eine Steigerung zu denen anderer Ausgaben. Vor allem die über Vidocq, die Karte von Paris und der Ausschnitt eines Zeitungsartikels über den Mord an Mary Rogers runden die Zusammenstellung der Geschichten perfekt ab.


Fazit

Wer Edgar Allan Poes Kriminalgeschichten noch nie gelesen hat, aber Fan des Genres ist, sollte das dringend nachholen. Der Doppelmord in der Rue Morgue und die anderen enthaltenen Geschichten beweisen, welch großartiger Autor er war. Die Schmuckausgabe bietet ihnen den perfekten Rahmen zur Entfaltung.


Pro & Contra

+ liest sich erstaunlich modern
+ der Einfluss auf Sherlock Holmes und andere, auch heutige, fiktive Ermittler ist klar erkennbar
+ interessante Ansätze und Ideen
+ vermag zu überraschenden
+ hochwertige Gestaltung und tolle Beigaben

Bewertung: sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Zeichnungen: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Schmuckausgaben von Klassikern:

Rezension zu Frankenstein
Rezension zu 20.000 Meilen unter den Meeren
Rezension zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde
Rezension zu Die Schatzinsel