
Diogenes (1998)
Taschenbuch, 240 Seiten, 14,00 EUR
ISBN: 978-3-257-23065-9
Genre: Kriminalliteratur
Klappentext
Ein Zürcher Kantonsrat erschießt in einem überfüllten, von Politikern, Wirtschaftskoryphäen und Künstlern besuchten Restaurant der Stadt vor aller Augen einen Germanisten, Professor an der Universität, läßt, zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, im Gefängnis einen jungen, mittellosen Rechtsanwalt zu sich kommen und erteilt diesem den Auftrag, seinen Fall unter der Annahme neu zu untersuchen, er sei nicht der Mörder gewesen. Der junge Anwalt, der den scheinbar sinnlosen Auftrag annimmt, erkennt zu spät, in welche Falle ihn die Justiz geraten läßt, weil er sie mit der Gerechtigkeit verwechselt.
Rezension
Ein Kantonsrat aus Zürich erschießt vor aller Augen in einem Restaurant einen Germanisten, der als Professor der Universität arbeitet. Als er im Gefängnis sitzt, lässt er einen jungen Rechtsanwalt namens Felix Spät zu sich kommen. Der Kantonsrat erteilt diesem den Auftrag, seinen Fall unter der Annahme zu untersuchen, er sei unschuldig, weil er nicht der Mörder war.
Dürrenmatt wurde 1921 in Konolfingen bei Bern geboren; sein Vater war ein evangelischer Pfarrer. Nach seinem Studium der Philosophie in Bern und Zürich arbeitete Dürrenmatt als Erzähler, Dramatiker, Maler, Essayist und Schriftsteller. Er starb 1990 in seinem Wohnort Neuenburg.
Dies ist Band 25 der „Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden“. Die Werksausgabe entstand Anfang 1980er Jahren – den Verlagsangaben zufolge – aus Anlass Dürrenmatts 60. Geburtstag. Die Buchreihe entstand in Zusammenarbeit mit Thomas Bodner.
In diesem Zusammenhang ist es interessant, zu sehen, wie dieses Werk dann tatsächlich entstanden ist: Dürrenmatt begann nach eigenen Worten mit der Arbeit an Justiz im Jahr 1957; der Roman sollte nach wenigen Monaten abgeschlossen sein. Da jedoch Arbeit an anderen Werken dazwischen kam, blieb Justiz liegen, bis Dürrenmatt schließlich die Arbeit daran ganz einstellte. Im Jahr 1980 wollte er den Roman als 30. Band seiner Werkausgabe abschließen, konnte die ursprünglich geplante Handlung nicht mehr ermitteln. 1985 entwickelte Dürrenmatt auf dem vorhandenen Fragment eine neue Handlung; so kam das Buch dann wohl anders auf den Markt als ursprünglich geplant.
Was ist von diesem Roman zu halten? Die Verlagswerbung bewirbt ihn als „Kriminalroman“. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive des Rechtsanwaltes erzählt. Ist diese Einordnung aber richtig? Das Buch wirkt eher wie ein Gesellschaftsroman, der die Verhältnisse in der Schweiz schildert. Laut literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur beschreibt er das Verhältnis zwischen Recht, Willkür sowie moralischer Verantwortung.
Ob sich Dürrenmatt mit Monika Steiermann selbst zitiert, werden Literaturwissenschaftler besser beurteilen können.
Felix Spät soll einen Kriminalfall lösen. Von polizeilicher oder privater Ermittlungsarbeit ist hier nichts zu spüren. Man muss schon die Sekundärliteratur neben den Roman legen, um wirklich zu verstehen, was in der Geschichte passiert. Es entsteht ansonsten sehr leicht der Eindruck, dass Spät diffuse Arbeit leistet, die nichts mit seinem Auftrag zu tun at, und sich dabei ruiniert. So gesehen kann das Buch als eine Art berufliche Biographie angesehen werden.
Dürrenmatts Kriminalromane Der Richter und sein Henker sowie Der Verdacht sind deutlich bekannter. Sind sie auch besser? Das hängt vom Auge des Lesers ab. Natürlich geht es in den Vorgängerromanen auch um Gut und Böse, Schuld und Sühne.
Insbesondere deutsche Leser werden aber allein deswegen einen leichteren Zugang dazu finden, weil es um explizit deutsche Ereignisse (wie beispielsweis die Ereignisse in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches) geht. In dieser Hinsicht ist es schwer zu sagen, ob Dürrenmatt Justiz eine Schweizer Leserschaft besonders im Auge hatte.
Dies ist eine Gastrezension von Andreas Rüdig, herzlichen Dank!