
Verlag: Carlsen; (März 2026)
Gebundene Ausgabe: 80 Seiten; 20 €
ISBN-13: 978-3-551-80910-0
Genre: Krimi
Klappentext
Zehn Fremde folgen der Einladung auf eine einsame Insel. Doch der Gastgeber zeigt sich nicht. Beim Abendessen wird den Gästen der Grund für das Zusammentreffen offenbart: Eine Stimme – abgespielt von einer Grammophonplatte -, erhebt düstere Anschuldigungen gegen alle Anwesenden. Kurz darauf stirbt einer der Gäste, nach und nach folgen weitere. In wachsender Angst versuchen die Überlebenden, den Mörder zu entlarven, bevor es zu spät ist …
Agatha Christie (1890-1976) schrieb 66 Kriminalromane und 14 Kurzgeschichtensammlungen, die in rund 100 Sprachen übersetzt und bis heute über zwei Milliarden Mal verkauft wurden. „Und dann gab´s keines mehr“ ist der meistverkaufte Kriminalroman aller Zeiten.
Rezension
Zehn Menschen, die sich nicht kennen und sich nie begegnet sind, werden eingeladen auf der Insel Soldier Island ein paar Tage zu verbringen. Manche als Gäste, manche sollen dort eine neue Anstellung antreten, wie die junge Elizabeth Claythorne als Sekretärin oder Thomas Rogers und seine Frau Ethel als Butler und Köchin. Ihre Gastgeber sind das Ehepaar Owen, welches jedoch aus fadenscheinigen Gründen nicht zu ihnen stößt. Nach dem Dinner enthüllt sich dann der wahre Grund, warum alle an dem abgelegenen, praktisch nicht zu erreichenden, Ort versammelt wurden. Jeder von ihnen hat den Tod eines Menschen zu verantworten. So zumindest verkündet es die Stimme auf einer Schallplatte. Und während die Anwesenden noch diskutieren, was das alles bedeuten soll und beteuern unschuldig zu sein, beginnt das Morden. Wie in einem Kinderabzählreim stirbt einer nach dem anderen und sie können die Insel nicht verlassen, denn ein Boot gibt es nicht und ein Sturm macht es zunächst unmöglich, dass Hilfe von außen kommt.
Zu Agatha Christies Roman Und dann gab´s keines mehr, der für diesen Comic als Vorlage diente, muss eigentlich nicht viel gesagt werden. Schließlich ist er der meistverkaufte Krimi aller Zeiten. Und dies aus gutem Grund. Denn Und dann gab´s keines mehr ist von Beginn äußerst spannend und hat einen interessanten Ansatz zu bieten, der mittlerweile häufig in der Popkultur aufgegriffen wurde. Sei es, dass nach und nach eine Gruppe von Personen getötet wird, sei es der abgelegene Ort von dem es kein Entkommen gibt.
Und dennoch ist Christies Roman auch heute noch etwas besonderes, denn sie bietet interessante Charaktere, von denen man eigentlich keinen sympathisch findet. Ein einfaches Gut-Böse-Schema gibt es hier nicht und tatsächlich ist hier jeder auf seine Weise schuldig. Überraschenderweise widmet sich Agatha Christie dabei auf kurze Weise auch gesellschaftlich relevanten Themen, wie ungewollte Schwangerschaften, Fehlverhalten der Justiz oder auch Überheblichkeit der „besseren“ Gesellschaft. Was den Roman jedoch wirklich reizvoll macht, ist die Suche nach dem Täter, der unter den Anwesenden sein muss und die Frage, wie das nächste Opfer sterben wird. Und da war die Autorin sehr kreativ und verknüpfte jeden Mord mit einem klassischen Abzählreim, auf den sich auch der Titel bezieht. Der Roman hat also seinen Erfolg und seine herausragende Stellung durchaus verdient.
Wie einflussreich der Roman ist und war, zeigt sich auch an den zahlreichen Umsetzungen und Adaptionen und auch an dem Umstand, dass es mit Eine Leiche zum Dessert eine Parodie auf Kriminalromane, wie die von Agatha Christie, Arthur Conan Doyle oder auch Dashiell Hammet gibt, deren Kernhandlung aus einer Umkehrung der Situation von Und dann gab´s keines mehr besteht. Veredelt wurde dieser Film bereits allein dadurch, dass Maggie Smith, Peter Falk, Alec Guinness, Peter Sellers und David Niven mitspielten. Das I-Tüpfelchen war dann der erste Auftritt Truman Capotes, der bei der Auflösung einen Monolog hält, der Erstens lustig ist und Zweitens sich direkt an die Autoren von Krimis richtet. Wer den Film nicht kennt, sollte ihn unbedingt nachholen.
Nun also hat sich Pascal Davoz daran gewagt Und dann gab´s keines mehr in einen Comic zu transferieren. Und das ist leider nur bedingt gelungen. Er bleibt der Geschichte zwar treu und ändert nichts signifikantes, jedoch ist der Start in die Geschichte recht holprig gelungen und die Dialoge wirken teilweise sehr erzwungen, so als ob er nicht ganz gewusst hätte, wie er alle Informationen unterbekommen soll. Dass dies aber gar nicht immer nötig ist, hat er dabei leider vergessen. So liest sich ein Großteil recht hölzern, erst gegen Ende, als nur noch wenige Figuren vorhanden sind, wird es besser, da ist es aber eigentlich schon zu spät. Dass der Comic und die Geschichte trotzdem noch unterhaltsam sind und funktionieren, liegt jedoch an der Vorlage, die einfach unverwüstlich ist. Es ist halt fast unmöglich sie richtig schlecht umzusetzen und genau davon profitiert Pascal Davoz hier. Obwohl er es nicht wirklich schafft, nur die wichtigen Elemente zu nehmen, sondern stattdessen einfach alles in den Comic hineinpacken will, ist er immer noch spannend bis zur überraschenden Auflösung.
Callixte tut dem Comic dann leider auch keinen Gefallen. Er hat bereits Tod auf dem Nil mit Hercule Poirot gezeichnet und konnte dabei ebensowenig überzeugen wie hier.
Wie bereits bei seinem Beitrag zur Hercule Poirot-Reihe hätte er auch bei diesem Comic die Gelegenheit spektakuläre und atmosphärische Bilder zu schaffen. Nur leider schafft er dies mit ein oder zwei Ausnahmen nicht, so dass diese eher als Zufall angesehen werden müssen. Das Haus, in dem sich das Geschehen abspielt, würde idealerweise vom ersten Blick darauf eine unterbewusste Gefahr ausstrahlen, sofort klarmachen was die Charaktere erwartet. Stattdessen erhält man einen ersten Blick, der viel zu beliebig wirkt. Innen geht es dann genauso weiter, was auch an seiner viel zu technischen Linienführung liegt. Wer z.B. mal Juanjo Guarnidos Arbeit bei Blacksad gesehen hat, weiß, wie effektiv auch in kleinen Panels Atmosphäre geschaffen werden kann, wenn eben nicht alles wie eine technische Zeichnung aussieht.
Dazu kommt, dass Callixte gerne anstatt Hintergründe zu zeichnen und mit Details zu versehen, diese einfach durch eine ganzflächige Hintergrundfarbe ersetzt. Was durchaus ein gelungenes Stilmittel sein kann, wirkt bei ihm häufig faul, weil er es nicht immer konsistent einsetzt. Dazu kommen dann noch die Charaktere, die leblos und hölzern wirken. Gesichtsausdrücke sind nicht immer gelungen und passen teilweise nicht wirklich zum Text und so wirken die Personen seltsam emotionslos, obwohl Callixte sie klar mit Emotionen zu zeichnen versucht. Callixte liefert zwar keine Vollkatastrophe ab, da gibt es unter anderem bei Superheldencomics schlimmeres, aber wer einmal andere franko-belgische Zeichner bei Krimis gesehen hat, wird von Callixte enttäuscht sein. Allein das Cover überzeugt vollkommen.
Fazit
Und dann gab´s keines mehr ist ein Klassiker der Kriminalliteratur. Agatha Christie hat einen unverwüstlichen Roman geschrieben, der von Beginn an spannend ist und Rätsel aufwirft. Zum Glück für Pascal Davoz, dem die Adaption als Comic nicht so gut gelingt. Callixte liefert dann Zeichnungen, die des Romanes unwürdig sind.
Pro & Contra
+ starke Vorlage
+ spannende und überraschende Handlung
- Zeichnungen
- Pascal Davoz gelingt es nicht, die Handlung auf das Wesentliche zu reduzieren
Bewertung: ![]()
Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 2,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3/5
Literatopia-Links zu weiteren Titeln über Hercule Poirot:
Rezension zu Tod auf dem Nil (Comic)
Rezension zu Hercule Poirots Weihnachten
Rezension zu Die Morde des Herrn A.B.C. (Roman)
Rezension zu Die Morde des Herrn A.B.C. (Comic)
Rezension zu Und dann gab´s keines mehr